Linda überschlägt in Gedanken die Tage, die Wochen. Nach all den Jahren ist es für sie noch immer unfassbar, wie schnell man von einem Kontinent zum anderen gelangt; die Seele, so hörte sie einmal bei einer Lesung mit einer japanischen Autorin, käme nicht mehr nach, bleibe irgendwo dazwischen hängen. Und in diesem Schwebezustand schaute Linda auf den Strudel im Wasser, das auf das Wehr zuschießt.

Alice Grünfelder: Die Wüstengängerin

 

Für mich fasst dieser Satz die literarische Reise von Alice Grünfelder nach Xinjiang, dem wilden Westen Chinas, zusammen. Weit weg von Peking, aber unter der „Peking-Zeit“ leben dort die verschiedensten Volksgruppen: Uiguren, Kirgisen, Han-Chinesen u.a.

Im Roman begleitet der Leser zwei Frauen. Roxana ist eine Studentin, die in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts in China forscht. Sie ist auf der Suche nach Höhlenmalereien, um zu beweisen, dass der Westen Chinas vor der Islamisierung buddhistisch war.

Zwanzig Jahre später reist Linda in die gleiche Region. Sie soll ein Aufforstungsprojekt in der Wüste leiten. Linda findet Roxanas Unterlagen, aber keine Spur von der Frau.

Was haben diese Frauen gemeinsam? Außer ihrer Liebe zu China, ihren gemeinsamen Forschungsinteressen?

Beide sind entwurzelt. Beide sind auf der Suche. Beide sind einsam.

Roxana hat keinen mehr Ort, an den sie nach dem Tod des Vaters zurückkehren kann. Linda, die auf ihre Karriere gesetzt hat, hat niemanden mehr an ihrer Seite. Keiner fragt, warum sie nun im Innendienst arbeiten will, weil sie für niemanden wichtig ist.

Beide sehnen sich nach Wurzeln, nach Anerkennung, nach einem Hafen. Und beide befinden sich so weit weg vom Meer, wie man auf unserem Planeten kommen kann.

Beide geraten in die Kämpfe der Uiguren für einen unabhängigen Staat und werden von den Mühlen der chinesischen Bürokratie gepresst. Beide, obwohl sie die Sprache des Landes sprechen und sich mit der Kultur vertraut gemacht haben, verstehen nur wenig von dem, war vor ihren Augen geschieht. Außenseiter in ihrem Land. Außenseiter in der Ferne. Nirgendswo verankert und verwurzelt.

Wer ist die Wüstengängerin?

Roxana, die in der Wüste verschwindet? Oder ist es Linda, die durch ihr wüstes Leben geht und weiß, dass es zu spät ist, noch etwas zu ändern?

Oder aber sind die Wüstengänger wir alle, die wir in unserer Welt wirklich oft so sehr laufen und hasten und machen und tun, dass unsere Seele auf der Strecke bleibt, wie die japanische Autorin oben im Zitat sagt.

In den Weltreligionen und der Mythologie ist die Wüste der Ort, wo der Mensch geläutert wird und dem Transzendenten begegnet. Das geschieht nicht für die Frauen.

Aber als Leser frage ich mich: Haben Roxana und Linda diesen Ort aufgesucht, weil ihre innere Wüste so viel grausamer war als die unerbittliche Wüste, in der sie wanderten?

Ich empfehle dieses Buch gerne.

Alice Grünfelder hat eine glasklare Sprache, sie malt Bilder vor mir, so dass ich die Wüste schmecke, rieche und spüre. Solche Worte, kraftvoll und einzigartig, findet man selten. Allein das ist Genuss pur.

Der andere Grund ist: Die Autorin gibt keine fertigen Antworten. Also auch kein Happy End? Oder doch? Es ist ein Roman, mit dem man nicht fertig ist, wenn man den Buchdeckel zuklappt. Und der leise fragt: Bist auch du eine Wüstengängerin? Wohin bist du unterwegs?

Hoffentlich findet diese literarische Perle einen Weg in die Hände vieler Leser. Lust auf eine Wüstenwanderung? Aber ja, immer doch.

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