Charlotte Roths Résistance-Roman : Bis wieder ein Tag erwacht

Was soll ich schreiben? Gerade habe ich Bis wieder ein Tag erwacht gelesen, ein opulenter Résistance-Roman von einer meiner liebsten Schriftstellerinnen, Charlotte Roth. Noch nie hatte ich das Gefühl, dass ich schon so lange auf diese Personen – Nathalie, Fabrice, Delphine, Didier, Alwin, Friederike und Salar – gewartet habe. Bis wieder ein Tag erwacht – wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen: Dieses Buch wurde nur für mich geschrieben. Denn die Personen, die auf den Seiten leben, lieben, atmen und kämpfen, sind meine Freunde. Fast habe ich das Gefühl, dass die Menschen, denen ich dort begegne, wirklich solche sind, die mich schon lange begleitet haben. Dabei denke ich nicht nur an reale Personen wie Abbé Franz Stock, der mein Vorbild in meiner Jugend war; sondern auch an fiktionale Helden wie Fabrice, Ricí und Nathalie und Alvin und auch das Törtchen Dorte.

Zwei Länder – Deutschland und Frankreich – und der Kampf für die Freiheit

Charlotte Roth hat es wieder geschafft. Ihr Résistance-Roman Bis der Tag wieder erwacht spielt sich in den beiden Ländern ab, die mir viel bedeuten. Deutschland und Frankreich, Berlin und Paris. Und alles beginnt im Süden von Frankreich, der Provence.

Nathalie, Fabrice und Abbé Stock – Kriegskinder, die doppelt zahlen

Alles nimmt seinen Anfang in der Provence. Hier treffen sich fünf Kinder, Kriegskinder, Erben des ersten Weltkriegs und schaffen eine Sommeridylle von Lavendel, Olivenbäumen und verbrannter Erde. Sie schaffen das, was die Erwachsenen nicht geschafft haben: eine Welt in der Standesgrenzen aufgehoben sind. Nur die Welt draußen, vor der Tür ihrer Fantasie, die kann das noch nicht. Dort versucht man krampfhaft, an alten Traditionen festzuhalten.

Die Kinder sind der stille und feinsinnige Didier und sein quirliger und ungezogener Bruder Fabrice, der damit seine Unsicherheit kaschiert. Sie sind die Sprösslinge und Erben des aristokratischen Weinguts bei Les Adrets.

Nathalie, das Dickbein, ist die Tochter des Verwalters, der sich den unentschuldbaren Fauxpas erlaubt hat, ein Kind mit einer Hunnin (sprich der Erzfeindin „Deutsche“), aus dem Erzfeindland östlich der Grenze zu bekommen. Dennoch ist Nathalie die Schönste, die man je im Dorf gesehen hat und sie hat nur ein Ziel: Weg aus der Armut, weg aus der Isolation.

Delphine ist begütert, nicht an Anmut wie Nathalie, aber als Tochter eines neureichen Industriellen, der gerne ein Bein in die alte Aristokratie hätte, liegt ein Leben im Luxus vor ihr.

Der letzte in der Runde ist Salar, der algerische Schatten von Nathalie, der eigentlich überhaupt nicht dazu gehören dürfte, aber für die Kinder, vor allem Nathalie, nicht entbehrlich ist.

Jeder von ihnen hat Träume. Jeder von ihnen ist einzigartig und eine runde Persönlichkeit. Und jeder von ihnen steht den Erwartungen der Gesellschaft gegenüber, die sich nicht mit den eigenen Träumen deckt.

Und in Berlin braut sich das Unwetter zusammen

Auf der anderen Seite der Grenze, in Berlin, leben Friederike, die Tochter einer der „Gründerväter“ der Weimarer Republik, eine sensible und gebildete junge Dame, die eine gerechtere Welt aufbauen möchte.

Dort lebt auch Alwin, ebenfalls ein höflicher junger Herr, ein geborener von Sterzing, dessen Familie im Laufe des Börsenkrachs alles verloren hat. Nach dem Tod seines Vaters versucht er die überzogenen Erwartungen seiner Familie zu erfüllen. Doch er scheitert, denn die Welt, in der Alvin sich mühelos bewegen konnte, existiert nicht mehr.

Andere haben jetzt das Sagen – erst die Väter und Mütter der Republik, dann die braune Brut, die ihnen nachfolgt und die den Rest der Welt in lebenswertes und lebensunwertes Material sortiert.

Mehr will ich nicht sagen. Ich wünsche mir, dass dieses Buch so viele Leser findet, dass der Verlag nicht nachliefern kann. Ich wünsche mir so sehr, dass auch andere Leser diese Menschen treffen.

Selten habe ich das Gefühl, bevor ich ein Buch besprechen: Wie werde ich diesem Buch bloß gerecht?

Wie kann ich diesen berührenden Roman so darstellen, dass auch andere ihn zu sich nehmen? Bei Bis wieder ein Tag erwacht habe ich dieses Gefühl.

Bis wieder ein Tag erwacht – ein Hoffnungsbuch

Trotz des schweren Themas ist es Charlotte Roth gelungen, ein Hoffnungsbuch zu schreiben. Das Leben entpuppt sich nicht so, wie die Kriegskinder es sich gewünscht haben. Und die vertraute Welt verändert sich zum Alptraum, aus dem es erst mal kein Entrinnen gibt, denn die Macht der Diktatoren nimmt zu.

Die Hoffnung kommt mit den Menschen, die sich auf diesen Seiten tummeln. Charlotte Roth ist es gelungen zu zeigen, wie man Mitläufer werden konnte, obwohl man ein moralischer und fürsorglicher Mensch war. Sie hat gezeigt, wie Menschen, um zu überleben, sich den Luxus moralischer Skrupel nicht mehr leisten konnten, und wie sehr der Krieg, die Diktatur, die Grausamkeit und Härte des Alltags jedem eine ungeahnte Kraft abverlangten. Aus Schwächlingen wurden Helden, aus Helden Feiglinge.

Als Leser stelle ich mir die Frage: Und wie hätte ich in einer ähnlichen, vergleichbaren Situation gehandelt?

Die Antwort ist, auch wenn ich es mir noch so sehr wünsche, nicht leicht zu geben. Ich war noch nie in einer ähnlichen bedrängenden Situation. Meine Hoffnung ist, dass die Erfahrungen von Didier, Nathalie, Delfine und Fabrice und Friederike und Salar mir so sehr mein Rückgrat stärken, dass ich immer die Freiheit wählen würde, egal, welches Opfer damit verbunden wäre.

Zurück bleibt das Grauen und die Angst, dass man selbst auch auf der falschen Seite hätte landen können.

Bis wieder ein Tag erwacht – Ein exzellenter literarischer Roman

Ich liebe Charlottes Roths dichte Sprache, die voller Bilder und zugleich nüchtern und präzise ist. Eine Prosa, die malt und entführt, die unter der Grausamkeit auch immer einen Humor versteckt. Eine Sprache, die viel tiefer reicht als Unterhaltungsliteratur.

Die Ausnahmesituation lässt die Personen oft mit einem schwarzen Humor reden. Ich denke, das ist ein Überlebensmodus.

Aber gerade da liegt für mich auch die Schnittstelle von Unterhaltungsliteratur und Literatur. So wie die Personen reden, reden normale Menschen nicht. Zumindest nicht die Franzosen, die ich kenne. Sie reden nicht direkt, sondern packen ihre Meinung ein. Dänen dagegen sind so direkt, dass es oft weh tut. Deutsche liegen irgendwo dazwischen. Ich habe mich bei der Lektüre gefragt, ob es an meinem französischen Umgangskreis liegt, aber das glaube ich nicht.

Die Dialoge sind wunderschön, zum reinknien, und so mehrschichtig, dass man sie trotz der grausamen Handlung verkosten möchte.

Deshalb sage ich: Dieses Buch ist keine Unterhaltungsliteratur, sondern Literatur. Das ist das Privileg einer Autorin, dass die Personen, wohl auf dem Papier beim Lesen schnell reagieren. Aber beim Schreiben hat sie Zeit, ihnen die wirklich genialen und geistreichen Worte in den Mund zu legen. Es ist ein wenig so, wie wenn ich nach einem Gespräch nach Hause gehe und denke: Das hätte ich so sagen sollen, aber im Eifer des Gefechts fiel es mir nicht ein.

Mein Lesesommerhit ist dieser Résistance-Roman von Charlotte Roth

Charlotte Roth: Bis wieder ein Tag erwacht, ist ein anrührendes und bewegendes Buch über die Zeit zwischen den Kriegen. Ein Roman, der alle großen Themen streift – Liebe, Freundschaft, Tod, Verrat und Kampf für eine bessere Welt. Ein Roman, der den Leser an die Hand nimmt und ihn die Nachtstunden und den Alptraum des letzten Jahrhunderts zeigt, eine Zeit, die die damalige Welt veränderte – und sicher auch viele Menschen.

Für mich heute, als Deutsche, Kind der Kriegsgeneration, ist dieser Resistance-Roman ein Mahnruf: Bewahrt die Freiheit, die Toleranz, die Menschenwürde eines jeden Menschen.

Darum darf diese Zeit niemals in Vergessenheit geraten. Und darum ist mein größter Wunsch, dass du dieses Buch liest. Du wirst Nathalie, Fabrice, Delphine, Salar und Didier niemals vergessen und mit ihnen eine Zeit, von der es besser gewesen wäre, wenn sie nicht existiert hätte. Du und ich, wir haben heute die Möglichkeit, das, für das Jean Moulin und Abbé Franz Stock und so viele damals gekämpft haben, zu bewahren und zu schützen.

Danke an Charlotte Roth, nicht nur für wunderbare Lesestunden, sondern auch für ein authentisches und mutiges Zeitzeugnis.

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