Yvonne Asmussen über Bücher, Motorräder, Vorurteile und das Leben an sich

Pünktlich zur Fahrsaison sind sie wieder da! Duke, Cristina und die Wizards of Doom.

DeathGameEBookFINYvonne Asmussen, die auch unter den Pseudonymen Franziska Wulf, Yvonne Winkler und Yvonne Jarré veröffentlicht, hat gerade den dritten Band für motorradbegeisterte Krimiliebhaber veröffentlicht.

Bei dem ersten Band hatte die Autorin mich mit dem Klappentext und den Leitwörtern #Motorräder #Flensburg sofort geködert, und so verschlang ich vor einigen Monaten den ersten Band „Fördehaie“. Fasziniert von den Personen und dem Spannungsaufbau der Geschichte, kaufte ich gleich den Nachfolgeroman. Duke, Cristina, die Wizards und die alte Käte, sie waren mir so sehr ans Herz gewachsen, das ich mich noch nicht von ihnen verabschieden konnte. Tja, und der dritte Band wartet jetzt schon auf meinem Nachttisch.

Was ist so besonders an den Flensburger Krimis?

Erst einmal sind sie nordisch-herb und dann ist da das ungewöhnliche Ambiente. Das Rockermilieu, behaftet mit vielen Vorstellungen und Ängsten, die sowohl Neugierde, Vorurteile und Neid schüren. Das ist spannend. Man möchte gerne ein wenig mehr hinter die Kulissen schauen. Wer das wagt, wie Yvonne Asmussen später im Gespräch berichtet, erlebt: Die Bösen sind nicht nur die Bösen.

Mit ihren Romanen über die Wizards hebt die Autorin die Welt des Lesers aus den Angeln. Hier gibt es kein schwarz-weiß und schon gar keine leichten Lösungen. So wie das Leben und die Welt eben sind.

Ich mag die Bücher, weil mir auf jeder Seite die Moral, das Ringen um ein selbstbestimmtes und authentisches Leben, die Freiheit und der Fahrwind entgegenspringt. Mit den Wizards betrete ich ein Milieu, das ganz anders als mein Alltag und mir doch auch sehr vertraut ist.

Wie schon erwähnt, haben mich die beiden ersten Bände sehr berührt. Nicht nur wegen dem guten Motoradfeeling, das aufkam und das ich als Beifahrerin liebe. Nein, es war auch reine Nostalgie, weil ich einige Zeit in Flensburg gearbeitet habe. Doch am meisten haben mich die Personen gefesselt. Zuallererst die alte Käte aus dem ersten Band, die morgens barfuß durch den Garten geht, um achtsam zu sein. Sie hat weniger Scheuklappen und Schubladedenken als die meisten meiner Zeitgenossen, sie ist erfrischend offen und in ihrer Zerbrechlichkeit stark und gerade. Immer, wenn ich dieser Frau begegne, kann ich nur denken: So will ich alt werden!

Denn als ein Unbekannter Kätes Leben bedroht, hat sie keine Scheu, sich den „Rockern“ anzuvertrauen, und so kommen Duke und seine Freunde mit auf die Bühne der Geschichte.

Yvonne Asmussen hat eine wunderbare Sprache, die den Leser einen Kickstart in die Handlung erlaubt, genauso rasant geht es zu, wenn der Motorradfahrer den Hahn aufdreht und davonbraust. Danach gibt es keinen Stillstand mehr. Das Thema ist so spannend, dass man sofort merkt: Hier wurde gut recherchiert, die Autorin weiß, wovon sie schreibt und sie hat eine Botschaft:

Legt die Scheuklappen ab. Gebt allen Menschen eine reelle Chance.

Kate, die barfüßige Alte, kann das. Jüngere Personen im Buch vermögen das nicht.

Ich freue mich nun auf den dritten Band. Allerdings habe ich auch ein wenig Angst vor dem Ende. Cristina Martens und Duke sollten eine Zukunft haben, doch so wie der letzte Band ausging, befürchte ich das Schlimmste.

Yvonne2swJetzt noch einen Blick hinter die Kulissen. Yvonne Asmussen, die Autorin, hat mir einige Fragen beantwortet.

Yvonne, auch wenn du gerne Motorrad fährst, bist du nicht die typische Rockerbraut. Wie wurde dein Interesse an der Szene geweckt? Was war das Ausgangserlebnis, um diese Bücher zu schreiben?

Motorräder und ihre Fahrer haben mich schon immer fasziniert – schon als Kind. Deswegen habe ich auch immer Meldungen über Motorradclubs in der Presse verfolgt. Als dann vor einigen Jahren ein Motorradclub eine Leiche unter dem Fundament einer Lagerhalle einbetoniert haben sollte, sagte ich zu meinem Mann »Wetten, dass da nichts ist?«. Diese interne »Wette« brachte mich dazu, diesen Fall über Wochen und Monate hinweg zu verfolgen. Die Vorwürfe erwiesen sich tatsächlich als gegenstandslos. Zurück blieben eine vollständig abgetragene Lagerhalle, damit verbunden eine ruinierte wirtschaftliche Existenz. Und der Suizid eines Werkstatt-Betreibers, in dessen Räumen der Mord stattgefunden haben sollte. Auch dieser Verdacht konnte vollständig ausgeräumt werden. Das interessierte aber weder Kunden noch Presse. Allein das Gerücht einer Nähe zu diesem Motorradclub hatte ausgereicht, die Kundschaft blieb aus. Schließlich sah der Mann keinen anderen Ausweg mehr.

Dieser ganze Vorfall hat mich sehr, sehr nachdenklich gemacht. Ich begann, intensiv zu recherchieren. Nicht nur in der üblichen Presse, sondern auch bei den Clubs. Und ich fand tatsächlich renommierte Journalisten, die ebenso Zweifel am allgemein gängigen Bild der Rocker hatten oder haben, wie ich. Lustigerweise werden diese Journalisten von ihren Kollegen oft als »dem Wunschbild einer Kriegergesellschaft« erlegen bezeichnet. Interessante Auslegung: Wer nicht meiner Meinung ist, ist entweder dumm oder verblendet.

Und da waren sie plötzlich in meinem Kopf, die Wizards. Und mit ihnen die Idee, Kriminalfälle die ins gängige Bild der Motorradclubs passen, aus der Sicht der Rocker zu erzählen.

Wie konntest du einen Verlag zu finden, der sich mit diesem Thema vorurteilsfrei beschäftigen wollte?

Das Etikett »Küsten-Krimi« hat meinem Agenten geholfen, eine Tür zu öffnen. Aber so ganz vorurteilsfrei war es dann doch nicht. Weshalb der Verlag und ich jetzt auch getrennte Wege gehen.

Verstehe. Es ist zwar ein Regionalkrimi, aber auch ein sehr ungewöhnlicher. Was war für dich das schönste Erlebnis, als du diese Romanreihe geschrieben hast?

Oh, da gab es eine ganze Menge! Recherchen auf Biker-Events, zum Beispiel. Die fühlen sich überhaupt nicht wie Recherchen an, weil es einfach Spaß bringt, bei guter Live-Musik und leckeren Grillwürsten mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Oder die Mails von Lesern, die mir schreiben, dass sie eigentlich aufgegeben haben, Belletristik zu lesen, mein Buch aber in einer Nacht verschlungen haben. Die Fotos von den Bikes, die diesen Mails beigefügt sind.

Was hat dich beim Schreiben und Recherchieren überrascht?

Es ist fast beschämend, wieviele Vorurteile über Rocker unauslöschbar in den Köpfen stecken. Und dass es niemanden interessiert. Selbst mit Leuten, die ich als offen und tolerant bezeichnen würde, finde ich oft keine Diskussionsgrundlage. Rocker sind kriminell und beuten Frauen aus. Das ist genauso feststehend, wie der Sonnenaufgang im Osten. Dieselben Leute würden aber sofort auf die Barrikaden gehen, wenn ein vergleichbares Pauschalurteil über eine andere Gruppe in der Bevölkerung gefällt wird.

Und nur, damit wir uns richtig verstehen: Es gibt kriminelle Rocker. Ja. So wie es auch kriminelle Ärzte, Lehrer, Kassierer, Bankangestellte, Politiker usw gibt.

Und ich verstehe es nicht. Vor allem, weil die wenigsten ihr Urteil aus ihrem Leben und Umfeld heraus fällen. Die meisten dieser Leute hatten noch nie Kontakt zu Rockern.

Oder, wie bei der Debatte um die Ausweitung des Kennzeichenverbots ein Unions-Politiker sagte: »Haben Sie schon mal einem Rocker in die Augen gesehen? Ich habe Ron Perlman getroffen.« Dazu muss man wissen, dass mit Ron Perlman hier tatsächlich der Schauspieler gemeint ist. Er hat in der Fernsehserie »Sons of Anarchy« Clay Morrow verkörpert, den President des fiktiven Motorradclubs.

Da bleibt einem doch die Spucke weg, oder?

Ja, genau. Welche Figur ist dir am meisten ans Herz gewachsen?

Duke. Auch wenn ich alle mag.

Ja, er ist auch klasse. Ich mag seine Gradlinigkeit und Verletzlichkeit. Man weiß einfach, wo man ihn hat und das erleichtert das Leben ungemein. Aber ich mag auch die anderen, besonders Käte. Was mich noch interessieren würde: Inwieweit haben die Wizards deine eigene Lebenswelt in Frage gestellt oder herausgefordert?

Um ehrlich zu sein, bin ich ja auch nicht ganz vorurteilsfrei an die Recherche herangegangen. Zwar dachte ich nicht an »kriminelle Rocker«. Aber in meiner ursprünglichen Vorstellung waren es nach Nikotin und Alkohol riechende Hauptschüler ohne Berufsausbildung, ein chaotischer, lauter Haufen. Auch da hat mich die Szene in allen Punkten überrascht: Vom Hauptschüler bis zum studierten Informatiker oder Betriebswirt, vom angestellten Lagerarbeiter bis zum selbstständigen Handwerker. Es gibt Gastronomen, Tätowierer, Spediteure, LKW-Fahrer, Künstler, Musiker, Soziologen … die Bandbreite ist riesig. Auf einem Event rieche ich regelmäßig zuerst Grillkohle und Weichspüler. Und was die Organisation angeht, kann ich nur den Hut ziehen. Da läuft alles. Inklusive der ständigen Beobachtung geparkter Bikes, die man nicht einmal abzuschließen braucht.

In der Szene gilt: Wie du hineinrufst, so schallt es heraus. Wer offen und ohne sich zu verstellen auf die Leute zugeht, bekommt das zurück. Und lernt dabei Menschen kennen, die tatsächlich Ja meinen, wenn sie Ja sagen. Das war etwas, das ich erst lernen musste. Als ich zum ersten Mal mit meinem Testleser zusammengearbeitet habe, wusste ich in einer sehr hektischen Phase des Romans, dass er selbst eine ganze Menge um die Ohren hatte. Ich habe mich mehrfach entschuldigt und vorsichtig gefragt, ob er wohl trotzdem noch einmal lesen könnte. Seine Antwort: »Hey, zerbrich dir nicht meinen Kopf. Ich habe gesagt, dass ich das mache.« Am nächsten Morgen hatte ich seine Anmerkungen zu meinem Roman. Er muss die Nacht durchgearbeitet haben.

Wie schön. Dieses Wort halten und zu dem stehen, was man gesagt hat, ist schon etwas, von dem wir alle etwas lernen könnten. Wie hast du dich durch das Schreiben dieser Romane selbst verändert?

In den Jahren habe ich sehr viel über mich und das Leben gelernt. Das hat mich selbstbewusster, stärker, ehrlicher anderen aber auch mir selbst gegenüber gemacht. Ich versuche nicht mehr, Rollen zu spielen, um anderen zu gefallen, sondern stehe zu mir, meiner Meinung, meinem Glauben. Ja, auch das. Denn immer wieder werde ich darauf gestoßen, dass viele Verhaltensweisen von Rockern eigentlich im neutestamentlichen Sinne Christen kennzeichnen sollten: »Euer Ja sei ein Ja.« Das sich umeinander kümmern, Teilen, die Fehler der anderen mittragen. Nicht Reden, Handeln. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Darüber hinaus bin ich noch vorsichtiger mit Urteilen über andere geworden, als ich vorher war. Und ich achte darauf, nur noch Versprechen zu geben, die ich einhalten kann und möchte.

Wie recherchierst du in diesem doch sehr geschlossenem Milieu?

Ich fahre zu Biker-Events, wann immer es unsere Zeit (ich fahre ja nicht selbst, sondern bin leidenschaftliche Sozia) erlaubt. Mittlerweile kenne ich eine ganze Reihe Leute aus unterschiedlichen Clubs. Die kann ich fragen, wenn die üblichen Recherchekanäle versagen. Und dann habe ich ja noch meinen fantastischen Testleser, The One, der seit vielen Jahren in der Szene zu Hause ist und mich bei meiner Arbeit unterstützt – wann immer ich ihn brauche.

Was ist dein Anliegen mit diesen Büchern?

Natürlich möchte ich vor allem unterhalten, dem Leser ein paar spannende Stunden bereiten und dabei auch die Biker ansprechen, die in meinen Romanen mal auf andere Art als üblich im Fokus stehen. Aber wenn ich den Einen oder Anderen durch meine Romane dazu bringe, die eigene Einstellung zur MC-Szene zu überdenken, freue ich mich wie blöd.

Danke für das Interview und viel Erfolg! Oder sollen wir sagen: Volle Kraft voraus … und Be Safe!

Neugierig geworden? Dann schaut einfach auf Yvonnes Homepage: www.yvonnes-romanwelten.de

 

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