Ich bekam diesen Roman als Rezensionsexemplar zugeschickt. Meine Gefühle waren gemischt. Der Titel ist gewöhnungsbedürftig. Grammatik und Rennpferde sind nicht die Dinge, die ich in meinem Alltag zusammenbringe. Doch kaum war ich im sommerlichen Garten in diesen Roman eingetaucht, als ich verzaubert war.

Zwei Menschen – Sally und Sergey – treffen sich. Beide leben mit Tieren. Sally ist der geborene Gutmensch. Sie hat Liebe und Karriere für ihren Vater geopfert hat und arbeitet an einem wissenschaftlichen Institut als Sprachlehrerin für Ausländer. Sie hätte ohne Zweifel das Zeug zu mehr gehabt, denn am Institut ist sie trotz ihrer begnadeten Unterrichtsmethoden „nur“ Lehrerin und die einzige Mitarbeiterin ohne akademischen Titel. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl nicht besonders. Und dann sind auch noch Personaleinsparungen auf dem Programm. Sally macht sich Sorgen. Versäumtes würde sie gerne nachholen und über die Interjektionen in den verschiedenen Sprachen einen Fachartikel schreiben. Von ihrem Kollegen wird sie gutmütig belächelt. Über solche Worthülsen verliert ein gestandener Akademiker normalerweise kein Wort. Ein Indiz mehr, dass Sally nicht wirklich dazu gehört.

Und wo kommen das die Tiere herein? Nun, Sally lebt mit imaginären Tieren in einer wissenschaftlichen Welt. Immer wenn sie unterrichtet, dann hat sei ihre Assistenten bei sich: Ein Rudel schöner und wilder Tiere.

 

Die Tiere sind sichtbar nur in ihrer Phantasie und stellen ihre höchstpersönliche Einordnung der Wortarten dar: Nomen als majestätisch große Elefanten, die Ketten bilden können, Rüssel an Schwanz (wie bei Datenerhebungsfragebogen); paradiesvogelartige Adjektive, die ihnen vorausflattern (dringend, aktuell); Verben in Gestalt beweglicher Raubkatzen, viele von ihnen heiß darauf, sich auf ein wehrloses Objekt zu stürzen (wir beißen, zerfetzen, verschmähen dich), und die Präpositionen – reizende runde Igelchen, scheinbar harmlos und dennoch mit unerhörter Macht begabt: die Elefanten jedenfalls lassen sich brav (ohne jeden Mucks) von ihnen in einen interessanten Kasus pieksen.“ (S.15)

Sergey lebt auch mit Tieren. Seitdem er laufen kann, ist er von Pferden fasziniert. Der Ex-Jockey schuftet als Aushilfskraft bei einem Bauern, lebt mehr schlecht als recht. Er lebt in der Welt der Tiere, im Dunst der Pferdeäpfel, des Heus und der scharrenden Hufen.

Als Sally Sergey trifft, plant sie ein geheimes Projekt. Für sie kann jeder Mensch die deutsche Sprache lernen. Sergey wird, natürlich ohne sein Wissen, ihre Versuchsperson. Sally träumt vom akademischen Durchbruch und dabei soll Sergey ihr helfen. Er träumt von Pferdezucht und einem neuem Anfang in Deutschland. Sie träumt von grammatikalischen Hürden, während er ohne diese Finessen den Neuanfang schaffen möchte.

Ob die beiden sich zusammenraufen können, ob ihre Lebensträume erfüllt werden und wie sie zusammen entdecken, dass sie eine gemeinsame Welt haben: darüber schreibt Angelika Jodl voller Humor, Sprachgefühl und Witz.

Ich habe das Buch geliebt. Und ich bin sicher, Sie werden es auch lieben. Danach sehen Sie staubtrockene Grammatik in schillernden Farben.

Angelika Jodl: Die Grammatik der Rennpferde. Dtv 2016. Broschiert. 316 Seiten. 14,90€.

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