Aus dem Lektorat

Screenshot 2016-06-21 21.02.30Liebe Autorin,

danke für den Text. Eine kurze Zusammenfassung. In einem Schlösschen wird Dominik mitten in der Nacht vom Schreien eines Babys aufgeweckt. Er findet den Säugling Nina in dem Zimmer auf der anderen Seite des Flurs. Während er sich noch wundert, wer sie ist, und warum sie dort liegt, kommt seine Mutter Juliane mit einer Flasche. Dominik entwickelt einen Beschützerinstinkt für das Baby, aber er kann nicht verhindern, dass plötzlich das Zimmer voller Erwachsener ist, die ihm Nina abnehmen. Er fühlt, dass er Nina allein lässt.

Die Szene ist spannend und hat viel Potential. Vor allem der Abschluss macht mich auf den Fortgang der Geschichte neugierig. Generell denke ich, gewinnt der Text, wenn Sie vier Dinge beherzigen.

  1. Perspektive

Wählen Sie eine Perspektive und behalten Sie sie bei. Dominik ist die Hauptperson, mit ihm steigt der Leser ins Geschehen ein. Deshalb sollten wir auch alles aus seinem Blickwinkel erleben, sozusagen die Welt mit seinen Augen erleben.

Er leiht dem Leser Augen, Ohren und Nase, um in die Geschichte einzutauchen. Deshalb kann er auch nicht wissen, was seine Mutter Juliane oder andere denken.

Benutzen Sie alle Sinne. Wie reicht Nina – mir fällt da sofort der milchige Duft von Säuglingen ein – oder hat sie die Windel voll? Was hören Sie? Was ertasten seine Fingerspitzen – samtiges Haar, seidenweiche Babyhaut? Mit den Sinnen erlebe ich mit Dominik.

  1. Starke Personen, die für ihre Ziele kämpfen

Dominik ist derjenige, der uns in dieser Nacht der „Führer“ ist. Ich glaube, die Leser würden gerne noch näher an der Person dran sein, mit ihm bangen, Fragen stellen. Der Leser taucht in die Geschichte ein, es geht sofort los, aber Dominik nimmt vieles einfach an, er akzeptiert es. Er sollte für seine Ideale kämpfen.

Er hört ein Baby, mitten in der Nacht – das ist ungewöhnlich. Was denkt er? Er springt aus dem Bett und geht los. Aber vielleicht liegt er erst mal im Bett und lauscht, bis er das Weinen wieder hört. Hat er geglaubt, geträumt zu haben? Hat er Angst, weil es im Schloss spukt? Oder ist das normal? Was hört er sonst noch – den Wind? Die Mäuse im Balken? Schritte unten im Wohnzimmer?

Wenn Dominik Nina behalten will, warum kämpft er dann nicht mehr für sie? Sie haben eine Bemerkung: Er gibt nach, als er den Blick des Vaters spürt. Der Vater war immer streng.

Das ist ein guter Konflikt. Bauen Sie ihn aus, denn sonst ist es nur eine Behauptung und sicher ist sie wahr. Als Leser weiß ich das aber nicht. Und ich glaube es auch nicht, bevor ich es mit eigenen Augen gesehen habe.

Wie kann man das machen? Die väterliche Strenge macht was mit Dominik. Das will ich sehen wie in einem Film und nicht erzählt bekommen.

Es könnte so sein: Er zuckt zusammen, duckt sich, als er die schneidend scharfe Stimme des Vaters hört. Oder der Vater gibt ihm einen Schubs …. Er schlägt die Augen nieder … das alles zeigt, dass Dominik unterlegen ist. Oder aber er macht etwas, was er noch nie gemacht hat. Er trotz dem Vater. Sagt der Vater etwas? Wie ist seine Stimme?

Versuchen Sie die Szene so auszubauen, dass sie szenisch arbeiten. Zeigen Sie, was passiert, und versuchen Sie, nicht zu erzählen, wie etwas ist, sondern einfach zeigen, was passiert – aus der Perspektive von Dominik. Dann kann man sich als Autor beurteilende Kommentare sparen und der Leser bekommt die Möglichkeit, selbst zu denken. Und das macht er am Liebsten.

  1. Füllwörter

Liebe Autorin, filzen Sie den Text noch auf alle überflüssigen Füllwörter, Adjektive, Adverbien und kleine Wörter wie doch, so … Sie blähen den Text unnötig auf und verzögern die Handlung. Und schauen Sie bei jedem Adjektiv, ob es notwendig oder entbehrlich ist. Weniger ist in den meisten Fällen mehr.

  1. Starke Verben

Und bei den Verben versuchen Sie einfach mal mit den Wörtern zu spielen. Kräftige Verben. Nicht „er ging“ – sondern lieber er schlich, hüpfte, rannte, er stolperte … Ein Mann geht nicht einfach über die Strasse, sondern er kann es auf tausende von Arten machen. Und mit dem Verb werde ich als Leser es sehen.

Der Text ist spannend – ich will wissen, wo Nina herkommt, welche Beziehung sie zu Dominik hat und ob sie wiederkommt.

Arbeiten Sie weiter, damit Dominik bald wieder mit Nina zusammen sein kann. Der Schluss ist Ihnen sehr gut gelungen. Das ist ein Cliffhanger, der den Leser im Raum stehen lässt. Er will wissen, was jetzt noch passiert.

Viel Spass beim Überarbeiten und Danke für Ihr Vertrauen.

Ihre Eva Maria Nielsen

 

Haben Sie noch Fragen? Gerne unterstütze ich Sie bei Ihrem Text. Unter dem Namen Lektorat Der rote Faden biete ich einen Lektoratsservice an. Haben Sie Lust auf eine Zusammenarbeit? Dann schicken Sie mir 2 Seiten Ihres Textes und die Inhaltsangabe/Plotline, damit ich Ihnen ein individuelles Angebot machen kann. Schreiben Sie direkt an Lektoratderrotefaden@gmail.com.

Ich freue mich auf Sie und Ihren spannenden Text.

 

 

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