Anja Jonuleit und die Colonia Dignidad

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Als der DTV Verlag einen neuen Roman – Rabenfrauen – von Anja Jonuleit ankündigte, war ich voller Erwartung. Vom Titelbild erinnerte er mich an Die Herbstvergessene, ein Nachkriegsroman.

Rabenfrauen beginnt in der Nachkriegszeit, mitten in einem fiktiven Ort auf der Lüneburger Heide. Die Menschen sind desillusioniert, oft ohne geografische und seelische Wurzeln. Vertriebene haben alles verloren. Fast alle kämpfen mit Armut. Die meisten haben Angst vor den Russen, und deshalb schaut man sich nach neuen Werten um.

1959. Flirrende Hitze wölbt sich über die Heide. Die Freundinnen Ruth und Christa sammeln Kartoffelkäfer, um ein wenig Geld zu verdienen. Jung sind sie; sie stehen kurz vor dem Abitur und haben Träume. Das Leben liegt vor ihnen, der grausame Krieg ist fast vergessen. Bald drehen sich die jungmädchenhaften Fantasien vor allem um Erich, der mit einer freikirchlichen Gemeinde in einem Zeltlager am Rande des Dorfes den Sommer verbringt. Niemand macht sich Sorgen. Was sollte schon passieren können? Kirchen stehen für Werte; die Kinder haben Spass und die Erwachsenen eine Sorge weniger. Sie lassen sich einlullen. Das Leben der Dorfbewohner, das Leben der Freundinnen wird fortan von den Machenschaften der Sekte beeinflusst, die sich erst langsam in ihrer Brutalität entpuppt.

Christa folgt ihren neuen Freunden in die Colonia Dignidad – ein Arbeitslager in Chile, wo Frauen, Männer und Kinder gefoltert, unterdrückt und gefangen gehalten und Familien auseinander gerissen wurden. Ein Leidensweg, der sich über vierzig Jahre erstreckt und wohl niemals sein Ende findet, weil die Opfer unter posttraumatischen Stress und inneren Verletzungen leiden.

Rabenfrauen ist ein Roman, der aufwühlt, berührt, den Leser zur Verzweiflung treibt. Ich bin von Haus auf Theologin und Religionswissenschaftlerin. Mir liegt die christliche Botschaft am Herzen. Ich weiß, wie totalitäre Systeme – innerhalb und außerhalb der Kirchen – funktionieren. Deshalb war dieser Roman auch ein Muss für mich. Aber dieses Wissen beschützt nicht. Der Schmerz über die Pervertierung von wundervollen Werten wie Liebe, Gemeinschaft, Hingabe und Familie ist groß. Schockierend ist es, dass die Behörden, das Ausländische Amt und so viele die Augen geschlossen haben; dass man Kinder entführen, sexuell missbrauchen und misshandeln konnte. Es ist unvorstellbar, was hinter den Zäunen der Colonia geschehen ist.

Anja Jonuleit

Die Autorin Anja Jonuleit

Anja Jonuleit hat sorgfältig recherchiert. Sie hat mit Betroffenen gesprochen und die Colonia besucht. Mit Rabenfrauen verknüpft sie das Schicksal von Christa und Ruth, die jede am anderen Ende der Welt leben und an den Folgen der Übergriffe tragen. Ein Buch, das fesselt, aufrüttelt, überrascht und meisterhaft erzählt ist.

Rabenfrauen ist viel leiser als die anderen Romane von Anja Jonuleit. Vielleicht ist das so, weil der Schmerz so laut pocht. Oder die Botschaft und die Geschichte laut sind. Ich wünsche der Autorin und dem Buch viele Leser. Damit das Leid der Menschen, die seelisch und körperlich missbraucht wurden, nicht vergessen ist.

Anja Jonuleit: Rabenfrauen. DTV 2016. 14,90 €.

Wollen Sie mehr wissen? Hier geht es weiter zu einem Gespräch mit der Autorin.

Lesen Sie auch Die fremde Tochter und Der Apfelsammler. 

 

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