Anette Beckmann: Wann, wenn nicht morgen

wann_wenn_nicht_morgen-9783423261005Wann, wenn nicht morgen ist der letzte Satz des Debütromans von Anette Beckmann und auch der Titel. Und dieser befindet sich in guter Gesellschaft, denn er erinnert an das Werk des berühmten Autorenkollegen Primo Levi: Was, wenn nicht jetzt.

Die Unterschiede zwischen den beiden Büchern sind offensichtlich. Levi ist ein renommierter italienischer Schriftsteller, der immer wieder den Holocaust und die „Judenfrage“ behandelt. Anette Beckmann ist eine deutsche Debütautorin, die ihre Handlung auf der Watteninsel Fanø in Dänemark ansiedelt. Es ist eine Insel voll idyllischem Charme, vorgelagert der Industriestadt Esbjerg an der Westküste Dänemarks.

Gemeinsam haben beide Autoren, dass es um Menschen geht, die ein Geheimnis hüten und die auf der Flucht sind, weil sie um ein menschenwürdiges Leben kämpfen. Diese Äußeren Bedingungen sind himmelweit voneinander entfernt.

Aber der innere Drang, ein selbstbestimmtes Leben zu leben, treibt die Protagonisten beider Autoren. Sie haben, schlussendlich, mehr gemeinsam als man auf den ersten Blick annehmen will.

Worum geht es in Was, wenn nicht morgen?

Klara begleitet ihre Mutter für eine Woche nach Fanø. Klara steht an einem Scheideweg, sie braucht eine Auszeit und hofft sich auch, dass sie und ihre Mutter sich wieder einander annähern. Die beiden haben seit Klaras Pubertät keine enge Beziehung mehr gehabt.

Klara ist sich noch nicht sicher, ob sie wirklich die Stellung als Programmleiterin in ihrem Verlag annehmen soll? Noch weniger weiß sie, ob sie ihrer Beziehung zu Johann noch eine Chance geben soll. Johann und sie haben sich auseinander gelebt und schon lange keine gemeinsamen Träume mehr. Soll sie noch mal ganz alleine beginnen?

Fanø scheint ein wundervolle Auszeit für die Frauen bereit zu halten. Aber dann kommt alles anders als erwartet. Klara verursacht einen Unfall, bei dem ihre Mutter kurzzeitig das Gedächtnis verliert und im Krankenhaus eingeliefert wird.

Die vertraute Welt bricht auseinander … die Welt ihrer Herkunftsfamilie und ihre eigene, denn plötzlich ist der sympathische Mads nicht nur der Retter am Unfallort, sondern auch der Mann mit nordisch herben Charme, dem Klara nicht wiederstehen kann. Nun hat sie noch eine Alternative mehr: Haben Mads und sie eine Zukunft oder ist dies nur eine erotische Auszeit? Aber immer noch ist die Frage offen: Was will Klara wirklich von und mit ihrem Leben?

Schnörkellose Sprache und komplexe Thematik

Anette Beckmann schreibt schnörkellos. Ihre Sprache ist genauso herb wie die Wattenlandschaft rund um Esbjerg; die Themen sind so gefährlich wie die Gezeiten in der Nordseeküste Jütland. Das Leben der Frauen scheint auf Quicksand gebaut.

Ich habe den Roman geliebt; nicht nur, weil es mich auf eine meiner liebsten Inseln an der Nordsee entführt hat, sondern auch wegen der Personen, die stark und authentisch herüberkommen. So traurig und gleichzeitig hoffnungsfroh diese Geschichte ist, sie birgt

für mich die Zuversicht, dass jedermann und jedefrau immer einen Anfang wagen kann. Wie sich allerdings die Helden des Buches entscheiden bleibt offen. Hier darf der Leser selber den Schlusspunkt setzen und das gefällt mir ausgesprochen gut.

Ich bin kitschige und rosarote Liebesgeschichte mit märchenhaften Schlüssen im Sinne von „Ende gut, alles gut“ sehr leid.

In Wann, wenn nicht morgen wird der Leser herausgefordert und die Lösung ist nicht einfach auf der Hand. Das ist sie im Leben sowieso meistens nicht. Dadurch werden Erzählung und Personen authentisch. Denn so könnte es im richtigem Leben gewesen sein.

Anette Beckmann: Was, wenn nicht morgen, dtv premium 2016, 304 Seiten. 14,90 €

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