Und sie werden nicht vergessen sein ist ein Roman, den man nicht so leicht vergisst. Wahrscheinlich werden Sie ihn nie vergessen.

Ich hatte die Freude, den Text vor der Drucklegung als Testleser in den Händen zu halten, und habe mich damals sofort in die Helden der Geschichte verliebt.

IMG_1608Auf den Buchseiten tummeln sich viele Personen. Da sind Armana und Arman, die der Leser vielleicht schon aus dem Roman Die Stadt der schweigenden Berge kennt. Armana hat Assyriologie studiert und sich bei Ausgrabungen am Ararat in Arman, dem enfant terrible der Gruppe verliebt.

Arman ist ein Überlebender und leidet daran. Viel zu früh hat er viel zu viel gesehen, damals als seine Familie vor seinen Augen ausgelöscht wurde. Das kann Arman nicht einfach hinter sich lassen, egal, wie weit er reist, und egal, wie erfolgreich er ist.

Und Arman ist weit gereist, er hat sich als international anerkannter Bildhauer in London niedergelassen und eine Patchwork-Familie um sich gesammelt, um die Menschen zu ersetzen, die ihm bei dem Genozid der Armenier in der Türkei genommen wurden. Armans Biographie, Aramanas verzweifelter Versuch, ihn zu lieben und zu schützen, wird sehr intensiv und berührend erzählt. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Menschen und die Sprache zerbrechlich wie Muranoglas wären.

Für mich ist Arman die Schlüsselfigur für alle die Menschen, die mit Trauma zu kämpfen haben, weil sie Terroropfer und Überlebende sind. Für Arman könnte man so viele Namen einsetzen – und gerade das macht das Buch so brisant und aktuell.

Arman und Aramana haben so viel. Sie haben gemeinsam ein Leben geschaffen, sich etabliert, leben in Wohlstand und Sicherheit. Aber den grössten Wunsch, ein gemeinsames Kind, können sie sich nicht erfüllen. Dann wird die so sorgsam aufgerichtete Welt wieder erschüttert durch einen Mann, den viele Zeitgenossen erst einmal nicht ernst nehmen.

Jenseits des Ärmelkanals lebt Ewa Löbel mit ihren Freunden in Berlin genauso ein privilegiertes Leben wie Arman und Armana in London. Ewa ist Künstlerin, hat sich von ihren Wurzeln befreit und lebt selbstbestimmt. Sie ist im Grunde genommen das Gegenstück Armans – eine Frau , die ihre Wurzeln verleugnet, während Arman seiner Wurzeln beraubt wurde und sie verzweifelt neu finden möchte. Doch beide können ihren Wurzeln nicht entkommen.

Als die braunen Herren an die Macht kommen, weil Menschen in der Demokratie geschlafen und in der Diktatur aufgewacht sind, und Angst sich wie ein Pilzgeschwür durch die deutsche Gesellschaft frisst, lachen die Künstler über den rhetorisch so bissigen Knilch, der sich im Reichstag und auf den Straßen die Seele aus dem Leib schreit bis er keine mehr zu haben scheint; sie verspotten Adolf Hitler und seine Handlanger und glauben, dass er schnell überführt wird.

Doch sie irren sich. Sie haben die Zeichen der Zeit falsch gedeutet und Adolf Hitler unterschätzt. Der Gnom entpuppt sich als Riese;  er kommt und hält sich an der Macht und verändert das Leben von Millionen von Menschen.

Eine davon ist Ewa Löbel, die jetzt ihre Wurzeln nicht mehr verneinen kann, denn der gefeierte Star der UFA ist Jüdin. Und damit ist ihre Tochter Chaja eine Rassenschande im neuem Reich. Nun sind die Schönen plötzlich nicht mehr schön und begehrenswert. Ewas Selbstbestimmung und Würde zerbricht unter den Stiefeln des Nazis.

Armana und Armans und Ewas Leben werden miteinander verflochten. Mehr sage ich nicht, denn das wäre kontraproduktiv. Schließlich sollen Sie das Buch lesen.

Für mich ist Und sie sollen nicht vergessen sein der Lesehighlight 2016, nicht nur aufgrund der Wendungen in der Geschichte, sondern auch wegen der intensiven Sprache, den unvergesslichen Helden, Heldinnen und Nebenfiguren: ich denke an Doris und ihrem Pimms; an die wunderbaren Ersatzfamilien (als Adoptivmutter ist das ein wichtiges Thema für mich!); ich denke an die vielen Gesichter, die auf den Buchseiten auftauchen, so wie die polnische Jüdin und ihre Kinder in den Straßen von Berlin, und die Menschen, die über sich hinauswachsen wie Wilma und sich unvergesslich auf meine Hornhaut gebrannt haben.

Und sie werden nicht vergessen sein ist ein Buch, das die Geschichte meiner Heimat erzählt, eines ihrer dunkelsten Kapitel.

Und sie werden nicht vergessen sein ist ein Roman, der den Finger auf das Böse legt, das Menschen einander antun, und der trotzdem den Glauben an die Kraft der Versöhnung und Menschlichkeit beschwört.

Carmen Lobato hat uns allen ein Werk in die Hand gelegt, das auch in der heutigen Zeit Mut macht, an das Gute in den Menschen zu glauben. Daran, dass Menschen, egal, wie sehr das Leben sie beutelt, über sich hinauswachsen können. Diesen Glauben brauche ich heute dringend, und den brauche ich mehr denn je, wenn ich die Gewalt an diesem 22. März 2016 in Brüssel sehe, und Flüchtlingsströme und aufflackernde Fremdenhass mir den Atmen raubt.

Und sie werden nicht vergessen sein erzählt eine alte Geschichte, die wieder aktuell ist. Denn immer noch gibt es Migranten, Menschen, die eine neue Heimat bei uns suchen, und die oft mehr im Gepäck tragen als die Plastiktüte oder den Rucksack mit Wäsche zum Wechseln und dem Schmuck der Familie, der an den Grenzen von Europa konfisziert wird.

Ich werde die Helden dieser Geschichte niemals vergessen.

Als ich mit dem Manuskript 2015 fertig war, hatte es mir die Sprache verschlagen. Und ich habe gedacht: Die Autorin will uns wachrütteln. Wir sollen den Genozid der Armenier nicht vergessen. Wir sollen den Holocaust nicht vergessen. Wir sollen die vielen Menschen nicht vergessen, die heute um ihre Wurzeln, ihre Kultur, ihre Religion, ihr Leben und ihrer Wurzeln beraubt werden.

Und sie werden nicht vergessen sein könnte auch heißen: Und sie sollen nicht vergessen sein. Zumindest hat Carmen Lobato diesen Menschen ein Denkmal gesetzt und mir und allen Lesern ein Mahnmal.

Carmen Lobato will uns Mut machen, dass wir gemeinsam nicht nur Verantwortung tragen, sondern auch unseren Beitrag zu einer menschenfreundlichen Welt beisteuern können.

Danke an Carmen Lobato, dass sie dieses Hoffnungsbuch für uns alle geschrieben hat.

Carmen Lobato: Und sie werden nicht vergessen sein. Knaur. 2016IMG_1609

Die Autorin ist Initiatorin für Writers for Mesopotamia. Schauen Sie dort vorbei.

Die Bilder sind von der Lesung in in der Leporello Buchhandlung in Berlin Rude im März 2016.

One Comment on “Carmen Lobato: Und sie werden nicht vergessen sein

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