„Willst du jetzt die dänische Staatsbürgerschaft“, fragte mich mein Mann heute, als ich ihm vom Wahlergebnis der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erzählt habe.

Ein Leichtes wäre es. Ich habe lange genug in Dänemark gelebt. Ich bin hier integriert, beherrsche die Sprache, würde auch den Einbürgerungstest bestehen (ich hab ihn schon mal zur Probe absolviert!) und ich liebe Dänemark. Warum also nicht?

Nein, ich bin und bleibe Deutsche und jetzt wegrennen – wenn auch nur im übertragenden Sinn, denn ich wohne ja nicht mehr im Land – wäre falsch.

Darüberhinaus werden die Diskussionen, die gerade in Deutschland ausgetragen werden, auch in vielen anderen EU-Ländern geführt. Da müsste ich schon weiter wegziehen.

Aber geschockt bin ich schon, das 25% der Sachsen eine Partei gewählt haben, die ein Wahlprogramm hat, das mich sprachlos macht. Haben diese Wähler überhaupt das Kleingedruckte gelesen? Was hat sie dazu getrieben, dort ihr Kreuzchen zu setzen? Oder haben sie ihren Kopf vor den Wahlurnen abgeschraubt?

Nein, so kann es nicht sein. 25 % in Sachsen-Anhalt sind einfach zu viele, um von Dummheit zu reden. Da steckt mehr dahinter. Jeder von uns hat in seinem Bekanntenkreis Menschen, die so gewählt haben. Warum auch immer.

Hier ist das Wahlprogramm, für die, die es noch nicht kennen.

Angst führt zu Polarisierungen

Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass meine Landsleute dies wirklich wollen. Aber wie kam es dazu? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Aber ich kenne zwei Fallen, die immer ganz gefährlich sind, wenn Menschen einander begegnen.

Die erste heißt: Vorurteile und Angst. Und die zweite ist die daraus resultierende Polarisierung in Gruppen, also in wir und ihr.

Der größte Fehler, den wir Menschen überhaupt machen können, ist die Angst vor dem Fremden. Angst lähmt.

Kämpft für eine offene Gesellschaft

Als wir in Dänemark die Terrorangriffe in Kopenhagen hatten, waren wir schockiert. Sich vorzustellen, dass jemand mit einem Maschinengewehr durch unsere Straßen rennt und Menschen abschlachtet, war unvorstellbar. Der Täter ist damals an einem Gebäudekomplex vorbeigerannt, wo viele meiner Freunde und Bekannten leben. Sie hätten ihn treffen können, an diesem Sonntagmorgen, auf dem Weg zum Bäcker. Wie sähe meine, unsere Welt dann heute aus? Ich denke oft daran, dass mein Patenkind auf der Strasse hätte sein können. Was wäre dann passiert? Wie sähe eine Welt ohne sein wunderbares Lächeln aus? Unvorstellbar – und doch so bedrohlich nah.

Damals hat – wenn ich mich recht erinnere – der französische Botschafter in Dänemark sinngemäß gesagt:

Lasst euch jetzt nicht das rauben, was das Schönste und Wichtigste in Dänemark ist; das, worum die meisten Länder euch Dänen beneiden. Eure offene Gesellschaft! Bewahrt euch die. Lasst euch die nicht kaputt machen, indem ihr der Angst nachgebt. Erst dann hat der Attentäter gesiegt.

Natürlich habe ich auch Bedenken, ob eine massive Zuwanderung mit der Zeit ein Land so sehr verändert, dass es nicht mehr das Land ist, in dem ich leben möchte.

Aber das gilt ja nicht nur den Muslimen, die die Scharia hier einführen wollen. Das gilt auch den Gruppen, die unser Land abschotten wollen und zu einer Insel in der Welt machen wollen.

Wenn wir anfangen in Gruppen und Clans zu denken, dann sind wir zurück bei der Stammesmentalität und entwickeln uns wieder zum Höhlenmensch. Das hat nie gut geendet.

Ich will so eine Welt nicht. Weder in Deutschland. Noch in Dänemark. Und nirgendwo auf der Welt. Ich habe es immer gehasst, wenn ich irgendwo auf der Welt nicht als Mensch, sondern nur als Deutsche und Nachkomme des Nazideutschlands gesehen wurde und zur Rechenschaft gestellt wurde. Das ist mehr als oft passiert, auch in Frankreich, auch in Dänemark. Aber da ist auch passiert, dass ein alter Franzose zu mir gesagt hast: Du bist die erste Deutsche, die ich kennengelernt habe. Und dabei hat er mich angelächelt.

Angst ist immer ein feiger Ratgeber und erzeugt Hass

Auch wenn es schwer ist, hoffe ich weiterhin auf die Vernunft der Menschen; ich setze auf Dialog und ich weigere mich genauso zu polemisieren wie es einige machen. Hass erzeugt Hass. Ich will nicht mit den gleichen Mitteln kämpfen. Auch nicht als Reaktion auf diese Wahl.

Also bitte schön sachlich bleiben.

Viele haben aus Angst so gewählt. Ob die Angst begründet oder unbegründet ist, kann noch keiner von uns sagen. Aber Angst ist immer ein feiger Ratgeber.

Ich glaube immer noch daran, dass wir einander begegnen können, uns anschauen, den Menschen vor uns sehen und nachfragen: Was treibt dich um? Was macht dir Angst?

Es sind die Fragen, die uns die Augen eröffnen. Und die Antworten werden uns neue Wege zeigen.

Besuche die Insel der Anderen und baue Brücken

Wenn ich mit meinem Mann Ehekurse gebe, lernen wir den Partnern, sich auf die Insel des Partners zu begeben und die Welt dort einfach mal von seiner oder ihrer Warte aus zu betrachten. Das braucht unsere Welt. Jetzt ganz besonders.

Hier in Dänemark haben wir eine türkisch-stämmige Politikerin, deren Parteiprogramm ich nicht unterstütze, aber die ich als Mensch unglaublich schätze. Bei einer Wahl würde sie meine persönliche Stimme bekommen. Denn sie ist glaubwürdig, engagiert und ehrlich und liebt Dänemark und die Menschen die hier leben.

Özlan spricht immer wieder davon, Brücken zu bauen, Dialog zu suchen und sie redet nicht nur davon, sondern sie tut es. Sie wird massiv bedroht und beschimpft, aber sie macht weiter. Ich bin stolz auf diese Frau, die aus einem anderem Land und einer anderen Kultur in unser Land kam, mit ihren Kindern dänisch redet und sich hier viel mehr engagiert hat, als manche im Land geborene, die sie schändlich behandeln.

Hat sie weniger Recht, den Mund aufzumachen, wo sie in diesem Land lebt?

Jetzt geht diese Botschaft in den Süden.

Nehmt etwas aus diesem Wahlergebnis mit. Baut Brücken. Lasst euch das Vertrauen in die Menschen nicht rauben. Egal, ob Christ, Jude, Moslem, Buddhist oder Atheist oder etwas auch immer und egal von welcher Hautfarbe – der Mensch zählt und wie er lebt.

Lasst euch getrieben von Angst nicht die Farben nehmen, die das Leben überhaupt erst lebenswert machen.

Verteidigt euer Recht auf Meinungsfreiheit, verteidigt die Religionsfreiheit, verteidigt ein wunderschönes Land, das immer wieder offen war für neue Menschen, weil sie dieses Land, seine Menschen  und seine Kultur bereichert haben.

Vergesst auch in dieser Situation nicht: Ihr steht immer Menschen gegenüber.

Deutschland, Deutschland über alles

Ja, Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt – lieb ich dich und lass dich nicht.

Aber mehr als die Deutschlandhymne liebe ich meine Nationalhymne: Einigkeit und Recht und Freiheit für alle, die in unserem Land leben.

So leicht werden wir es auch in Zukunft nicht denen machen, die eine enge Gesellschaft wollen.

Ehrlich, einiges im Wahlprogramm der AfD riecht nicht nur verdächtigt nach alten Zeiten. Ich frag mich im Ernst, ob ich in einer Gesellschaft leben wollte, die in vielen einem klassischen Schariastaat gleicht. Haben diese Wähler, die Andersgläubige und Migranten angreifen, darüber mal nachgedacht? Viel besser als ein Schariastaat ist das Wahlprogramm der AfD doch wirklich nicht.

Nachdenkliche und verwirrte Grüße in den Süden von

Eva Maria

 

 

4 Comments on “Deutschland, Deutschland über alles …

  1. Das ist nicht richtig! Es haben NICHT 25 % der Deutschen die AfD gewählt! Das gilt nur für Sachsen-Anhalt. Aber auch in 2 weiteren Bundesländern wählten mehr als 10% die AfD. Das ist alles schlimm genug. Das muss man nicht noch schlimmer machen! Solch eine Ungenauigkeit und Verallgemeinerung schadet nur. Wie kann man nur so einen Mist schreiben! Das regt mich wirklich auf.
    LG
    Ulrike

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    • Ulrike, kannst du Dich noch erinnern, dass man vor einigen Monaten auf Dänemark wegen seiner Ausländerpolitik in der ausländischen Presse fokussierte? Das war, von hier aus betrachtet, ein Versuch, von den Problemen in den anderen EU Staaten abzulenken. Bei Gott, hier im Königreich ist nicht alles in Ordnung, aber da wurde einfach zu viel Schmutzwäsche auf dem dänischen Rücken gewaschen! Denn bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass fast alle europäischen Staaten die gleichen Regeln folgten.
      Oder die letzte Wahl hier im Land – die dänisch-nationalen Parteien und die Parteien der Mitte haben gewonnen, die für eine stramme Einwanderugnspolitik stehen; aber trotzdem sind die meisten Dänen immer noch nicht ausländerfeindlich. Es ging viel mehr um den zentralistischen Staatsaufbau und den Frust der Menschen in der Provinz, die sich von der Kopenhagener Politik überfahren fühlten.
      Was mir bei Sachsen-Anhalt so viel Sorge macht ist: Wie kann sich eine Unzufriedenheit in der Politik nur so destruktiv äussern, dass ich generell Politiker bestrafen will? Also bedeutet Demokratie nur, dass sich mich versorgen lassen will, egal vom wem? Und wie können die etablierten Parteien sich so sicher fühlen? Und was ist eigentlich los mit dem deutschem Problemkind Sachsen-Anhalt? Das war doch mal das kosmopolitische Herz in Deutschland … Die genannten Probleme häufen sich meines Erachtens doch dort …

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      • Liebe Eva, ist halt alles nicht so einfach. Und ich muss Dich darauf hinweisen, dass es ein Bundesland gibt, das Sachsen-Anhalt (das mit der Wahl) heisst, und ein anderes, das Sachsen heisst.
        Ich meistens nicht sehr politisch und ahlte mich auch gerne aus solchen Diskussionen raus. Ich möchte lieber ausgleichend, versöhnend wirken. Manche Menschen nennen mich „harmoniesüchtig“. Doch ich werde bei den nächsten Gelegenheiten, die sich mir hier in Hamburg bieten, wählen gehen. Und ganz bestimmt nicht die AfD. Ich versuche, in meinem Umfeld gegen Rassismus und für mehr Toleranz einzutreten.
        Schlimm ist eigentlich nicht die Unzufriedenheit, sondern das Unwissen. Ungebildete Menschen, denen es nicht gelingt, über den Tellerrand hinauszusehen, lieben kurze Parolen, vereinfachte Politik. Deshalb finde ich, dass man viel mehr noch bei der BIldung ansetzen müsste. Bereits den Kindern beizubringen, dass Kritik und Analyse spannend und förderlich sind, die Welt besser zu verstehen, finde ich besonders wichtig.
        Beste Grüße
        Ulrike

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