Während ich selbst letzte Woche in Grönland war, habe ich angefangen ”Ewigkeitsfjord” des Norwegers Kim Leine zu lesen. Das Epos mit seinen 640 Seiten war vor einigen Jahren ein Bestseller in Dänemark. Allerdings, ich habe schnell bemerk: Ewigkeitsfjord ist eine lohnende, aber keine leichte Lektüre.

Beim ersten Teil war ich hin- und hergerissen. Ich hatte mir das Buch vorgenommen, um in die Stimmung von Eis, Schnee, Weite und Stille Grönlands einzutauchen. Ich wollte, auch weil ich selbst an einem Buch schreibe, das um 1777 in Grönland spielt, mehr über die Missionierung; die dänischen Kolonien und das Leben dort erfahren.

Kim Leines Sprache gefällt mir sehr gut, sie ist variiert und wortreich, liest sie sich wie ein schwermütiges Lied (skandinavisch herb und düster!). Sollte ich sie mit zwei Begriffen umschreiben, dann würde ich sagen: Bilder und Virtuosität.

Aber der erste Teil, wo Morten Falk, aus Norwegen kommend, seine Ausbildung als Theologe in Kopenhagen anfängt, hat mich eher gelangweilt. Gut, ich kann meine Stadt sehen und riechen, vor allem die Fäkalien auf den unbefestigten Straßen, die Huren und das feine aufstrebende Bürgertum. Ich höre den Wind in den Masten am Nyhavn.

Anfangs geht um die inneren Dämone des kommenden Missionars. Morten Falk ist ein Mensch ohne Mitte, ohne Tiefe, ein Mensch voller Selbstzweifel, geplagt von äußeren und inneren Ketten und einem Rucksack tragend voll mit unerfüllten sexuellen Trieben, gebeutelt von gesellschaftlichen Erwartungen und Tabus – o je, so viel ist fast nicht auszuhalten.

Morten klammert sich an Rousseaus Satz: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“ Und die Ketten, die ihn selbst drücken, sind so handgreiflich auf den Seiten dargestellt, dass es schon fast wieder komisch wirkt. Ansonsten könnte man es kaum aushalten.

Inzwischen sind wir auf dem Schiff, und es scheint spannender zu werden. Aber so viel Vorarbeit und Düsternis und Moralität habe ich lange nicht mehr gelesen. Wie wird Morten in Grönland klarkommen? Ich befürchte, dass er noch tiefer in Selbstzweifel und Depression versinkt.

SAM_1688.JPGDieses Land braucht Männer von einem anderen Kaliber … Und die Kirche leider auch.

Noch bin ich nicht sicher, ob ich mich dem Hurrarufen der Kritiker anschließe. Und trotzdem kann ich das Buch nicht aus der Hand legen – tragisch-komisch mutet es mich an.

Hat jemand von euch das Buch gelesen? Und wie kam es bei euch an?

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