downloadJa, ich trauere um ihn. Wirklich. Gestern Abend habe ich eine Nachtschicht eingelegt, um ihm bei seinem letzten Gang zu begleiten. Ich konnte einfach nicht anders. Und jetzt bin ich unendlich traurig – dass er diesen Weg gegangen ist, dass die Geschichte zu Ende ist. Taschentücher habe ich auch gefüllt. Und danach habe ich wach gelegen, immer wieder an ihn und Lou gedacht.

Jojo Moyes verzaubert den Leser mit Will und Lou in Ein ganzes halbes Jahr
Ich hatte das Buch einige Monate in meinem Regal stehen. Und ich habe mich immer davor gedrückt, es endlich zu lesen. Rezensionsbücher kamen herein, und da waren noch die anderen Titel, die ich vorher noch lesen wollte.

Hätte ich gewusst, dass Jojo Moyes ein so brisantes Thema wie Euthanasie in einer so zarten Liebesgeschichte servieren würde, dann hätte ich das Buch schon viel eher gelesen.

Nun – ich brauche nicht mehr viel zu sagen. Die Geschichte, die den meisten ja schon bekannt sein wird, ist anrührend. Die Charaktere sind so normal, dass jeder sich mit ihnen identifizieren könnte. Lou Clark hängt mit 27 immer noch zu Hause ab, ohne Ausbildung und mit einem Partner, der sie nicht wirklich wahrnimmt und liebt. Und dann muss sie, um das Haushaltsgeld der Familie aufzubessern, den Job bei der Familie Traynor annehmen. Sie soll Will, den Sohn des Hauses, der nach einem Unfall vom Hals ab gelähmt ist, pflegen. Sechs Monate. Ohne Verlängerung. Denn Will plant, seinen Leben einen Punkt zu setzen. Die sechs Monate sind die Gnadenfrist an seine Eltern, die hoffen, dass Lou ihm neuem Lebensmut eingeben kann.
Und genau das geschieht, aber erst sehr spät; denn Will will diese farbenfrohe und quirlige junge Frau nicht als Pflegerin.

Was ist ein guter Tod?
Moyes erzählt eine anrührende Liebesgeschichte, dessen Dramatik vor allem durch die ablaufende Zeit bestimmt ist. Und als Leser hofft man bis zur letzten Seite, dass Will sich anders entscheidet.
Die Frage der Euthanasie wird in vielen Büchern und Filmen behandelt. Und steht oft auf der politischen Tagesordnung. Wer kennt nicht „Million Dollar Baby“ Oder „Das Meer in mir“ oder den Roman von Coelho „Veronika beschließt zu sterben“?

Ein ganzes halbes Jahr ist in dieser Kategorie anzusiedeln, aber viel leichter geschrieben und erzählt. Und hat eine wunderbare zarte Liebesgeschichte.

Ein ganzes halbes Jahr – ein lebensbejahendes Buch, das nachdenklich stimmt.
Letztendlich wird doch alles gut, auch wenn der Schluss traurig ist und ich mir gewünscht hätte, das Will sich anders entschieden hätte. Denn mit Lou habe ich mich ein wenig in ihn und sein Lächeln und sein Humor und seine Lebenslust verliebt.

Euthanasie ist ein schweres Thema. Generell spreche ich mich für den Schutz des Lebens aus, finde, dass man sehr umsichtig sein sollte, wenn man diese Frage nach dem guten Tod beantwortet und auf das Recht von Freitod pocht.

Aber Wills Geschichte hat mir gezeigt, dass es schwer ist, eine ganz klare Antwort zu geben. Ich schulde es den Betroffenen, mich diesem Thema sehr behutsam, mit viel Respekt und Einfühlungsvermögen zu nähern.

Soll ich ehrlich sein?

Ich glaube immer noch an das Leben und weiß, dass der (fiktive) Will Lebenssatt war. Und ich kann seine Entscheidung, auch wenn ich sie nicht gutheiße, verstehen. Auch wenn sie mich unendlich schmerzt. Jojo Moyes hat sachlich und einfühlsam zu dem Thema geschrieben, und dieses Buch stimmt mich sehr nachdenklich. Und gleichzeitig füllt es mich mit Lust aufs Leben.

Das  Beste, was der Leser aus diesem Roman mitnehmen kann, ist Respekt vor dem Leben und der Freiheit des Menschen, seinem Recht auf Selbstbestimmung und vor allem Dankbarkeit und Hunger auf das Leben.

Das Leben bleibt ein Geschenk. Ein wunderbares Geschenk, das wir wirklich ausschöpfen sollten.

Jojo Moyes: Ein ganzes halbes Jahr. ISBN 978-3-499-26703-1. 14,99€.

4 Comments on “Ich vermisse Will Traynor …

  1. Mir geht es gerade ganz genauso, ich habe Ein ganzes halbes Jahr gestern ausgelesen und bin seitdem unglaublich traurig. Wie bist du bloß darüber hinweg gekommen? 😉

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    • Einfach indem ich neue gute Bücher gelesen habe, indem ich beschlossen habe, das Leben in vollen Zügen zu geniessen – so wie Will Traynor. Und ich denke, das wollte „er“ auch. Mach das Beste aus deinem Leben! 🙂

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      • Vielen Dank für deine Antwort 🙂 Ich hab mir inzwischen schon die Fortsetzung vorbestellt, weil ich so neugierig bin, wie es mit Louisa (und leider ohne Will 😦 ) weitergeht. Bis dahin muss ich aber definitiv erstmal etwas lustiges zur Ablenkung lesen. Liebe Grüße

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  2. Ich hätte sehr ähnliche Gefühle wie du. Ich fand das unglaublich traurig, dass Will sich nicht umentschieden hat und trotz Lou in diese Klinik gegangen ist. Ich muss sagen, mich hat ein Buch lange nicht mehr so gepackt und fasziniert. Das 2. Habe ich mir dann auch gleich gekauft. Bin sehr gespannt wie sich Lou ohne Will durch schlägt. Bin aber generell ein großer Fan dieser Autorin 😀

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