3. Januar 2013

Vor zwei Jahren hatte ich Schmetterlinge im Bauch. Es war der Abend vor meiner Cochlear Implantation. Ich wusste, meine Familie hatte Angst, dass ich mich durch die Operation verändern würde. Mein Mann fürchtete, dass ich eventuelle Schäden tragen würde, aber er sagte nichts, weil ich mich entschieden hatte.

Ich fragte mich, ob ich alles das bekommen würde, was ich mir gewünscht hatte: hören können. Oder würde ich mit der elektronischen Stimme nicht klarkommen? Würde es Komplikationen bei der Operation geben? Würde ich Folgeschäden haben, wie Schwindelanfälle, Tinnitus oder anderes?

Ich hatte Angst, dass man meinen Schädel aufbohren würde, um eine Elektrode in meinen Gehörgang zu legen, aber ich wusste, ich hatte nichts mehr zu verlieren. Immer mehr war ich aus der Welt der Hörenden herausgerutscht und allein.

Äußerlich war ich gelassen. Innen drin spukten alle Ängste auf und ab. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich keine andere Wahl hatte, wenn ich Lebensqualität für mich und meine Familie haben wollte.

3. Januar 2015

Heute, zwei Jahre danach, bin ich viel weiter. Ich habe vieles gewonnen, und einiges verloren.

Ich höre nun Papier im Wohnzimmer rascheln, wenn ich in der Küche koche. Ich höre das Klicken der Tasten auf dem Handy, wenn eine Nachricht eingegeben wird. Ich höre die Vögel draußen zwitschern, auch wenn die Fenster zu sind.

Aber ich bin längst nicht mehr so belastbar wie früher.

Gestern zum Beispiel hatte ich am Morgen das Gefühl, mein Kopf würde explodieren. Die Welt war nur eins. LAUT. Laut bis zur Schmerzgrenze.

Das passiert normalerweise nur, wenn ich mir zu viel zugemutet habe. Dann machen meine Ohren zu. Und dann hilft nur schlafen, ruhige Umgebung, leises hören. Aber ich hatte Ferien und mich bestimmt nicht angestrengt.

Ehrlich gesagt hasse ich solche Tage. Ich fühle mich machtlos und ausgeliefert, ohne Kontrolle über meinem Leben. Aber ich versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und war mühsam bemüht zu lächeln, während wir frühstückten. Aber ich spürte, dass die linke Hälfte meines Kopfes sich verspannte und einen harten Strang bis zur Schulter zog. Viele Geräusche, wie das Umrühren des Tees, taten mir körperlich weh. Und ich dachte: Wie komme ich nur durch diesen Tag? Um es irgendwie mit Würde zu schaffen, wollte ich mein Gerät anders einstellen – und stellte fest, dass es sich wohl in meiner Handtasche selbst neu programmiert hatte. Fazit: Alles war viel zu laut. Sobald ich ins richtige Programm zurückgekommen war, ging es besser. Die Muskelverspannung löste sich erst im Laufe des Tages, aber der Schmerz bei jedem Geräusch war weg.

Ich habe in den letzten Tagen wieder Musikhören trainiert. Das Trainieren des Hörens hört niemals auf. Aber ich freue mich, dass ich nun auch unterschiedliche Instrumente erkennen kann. Ich kann in einem Orchester Violinen von der Orgel unterscheiden, den vollen Ton der Oboe und die hellen Trompeten.

Peanuts?

Vielleicht für Hörende. Aber nicht für mich. Ich höre dies mit meinem tauben Ohr. Mit einem elektronischen Ohr. Es ist mein Sieg nach viel Hörtraining und viel viel Geduld.

Für mich sind diese Klänge jeden Tag der Beweis dafür, dass ich ein neues Leben geschenkt bekommen habe. Und eine Aufgabe. Und das es sich lohnt, Geduld zu haben. Und vor allem, dass das Leben viele Klänge hat, die mich jeden Tag neu faszinieren.

Mein liebster Klang ist, dass ich meinen Sohn schnarchen hören kann, wenn ich abends die Treppe hochgehe, um zu sehen, ob er schläft. Ich brauche nicht einmal die Tür aufmachen. Ich höre ihn und weiß: Es geht ihm gut.

Und was ist dein liebster Klang?

6 Comments on “Zwei Jahre mit dem Cochlear Implantat

  1. Liebe Eva-Maria,

    alles erdenklich Gute für 2015 und viel Erfolg und Freude mit dem elektronischen Ohr! Auf das es immer gut eingestellt bleibt! Ich habe viele Lieblingsklänge, z. B. das Schnurren von Katzen, viele weitere Tierstimmen, Meer, nicht zu starker Wind etc.

    Liebe Grüße

    Christiane

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    • Hallo Paula. Ja, ganz ehrlich, habe ich auch viele Lieblingsklänge, aber gerade bei diesem Laut, den ich nun schon von der Trepep höre, ohne die Tür aufmachen zu müssen, wird mir bewusst, was ich geschenkt bekommen habe. Ich brauche jetzt keine Taschenlampe mehr, um zu sehen, ob er schläft. Und ich kann ihn im Sofa atmen hören. Dir einen schönen Tag.

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  2. Liebe Eva-Maria,
    das hört sich wirklich toll an! Man kann als „Hörende“ wahrscheinlich nie ganz ermessen was es für dich bedeutet!
    Gut dass du dich damals getraut hast!
    Herzliche Grüße und noch nachträglich ein gutes neues Jahr!!
    Angelika

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Eva-Maria,
    ich kann mich noch gut daran erinnern, wie du kurz vor der OP in der Schreibgruppe davon berichtet hast. „Die traut sich was“, habe ich damals gedacht und dir die Daumen gedrückt. Und mich mit dir gefreut, als die ersten Erfolge kamen und du dich gefragt hast, ob du jetzt die Flöhe husten hören wirst … Seitdem hast du dich noch einiges mehr getraut und zugetraut. Das ist gut so, und ich wünsche dir für das neue Jahr noch viele neue Lieblingsklänge. Vielleicht schreibst du sogar mal ein Buch darüber? Für mich gibt es viele Klänge, die ich mag: wenn mein Sohn herzlich lacht, das Schnurren meiner Katze, das leise Klirren von Geschirr in einem Café, das Klicken meiner Tastatur, Meeresrauschen, wie das Wort Pampelmuse klingt, wenn man es genussvoll ausspricht … Wie gesagt: Darüber könnte man glatt ein Buch schreiben!
    Herzlich,
    Susanne

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    • Ja, Susanne, darüber könnte man glatt ein Buch schreiben. So im Stil von „Das Parfüm“ … Ich finde es sowieso immer total schön, wenn ein Autor mit seiner Sprache Klänge erzeugt, es fast wie eine Melodie wird, aber trotzdem nicht wirkt wie ein Freak-Text. 🙂 Dir einen guten Tag! Ach ja, Geschirrklappern wird wohl nie mein Lieblingsklang! 🙂

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