Der Weg ist nicht mehr da

Ich sollte an meinem Projekt schreiben, aber in mir ist es nur still.

Immer noch ertappe ich mich dabei, dass ich es einfach nicht fassen kann, was am Montag passiert ist.

Marianne ist tot – und in meinem Garten blühen und ducken sich die Hortensien im Wind, die sie mir bei jedem Besuch geschenkt hat. Sie wusste, dass ich Hortensien liebe und in Herning einen Garten voll zurücklassen musste. Aus ihren Geschenken ist eine Hecke geworden. Jetzt blüht sie für Marianne und erinnert mich an ihre Fürsorge und all das Gute, das sie mir getan hat.

Alles ging viel zu schnell. Als ich zum letzten Mal mit Marianne telefoniert habe, hatten wir abgemacht, dass wir uns nach der Strahlentherapie sehen wollten. Ich wollte einen Tag über den Belt zu ihr fahren, nur kurz „Hallo“ sagen, ihr in die Augen schauen und mich vergewissern, dass alles o.k. ist. Dazu kam es nicht mehr. Nur noch einige SMS, weil sie zu müde zum Telefonieren war – und nun ist sie tot.

Zurück bleiben Erinnerungen. Juniors Erstkommunion im April, und vor allem unser letzter Besuch im Juli dieses Jahr, wo wir gemeinsam gegrillt haben, und ich Mariannes Strauch mit Stachelbeeren fast leergegessen habe. Es war ein wunderschöner Mittsommerabend – hell und warm und voller Vogelgesang, Grillgeruch und der satte Duft der Blumen aus dem Garten, und wir hatten viel Spaß. Am nächsten Tag sind wir in den Safaripark von Givskud gewesen, und haben Pläne geschmiedet, was wir noch alles gemeinsam machen wollten.

Der regelmäßige Gesundheitscheck stand vor der Tür, und wir fragten uns, wie er wohl ausfallen würde; ob neue Metastasen da sein würden, und sprachen darüber, wie es ist, gegen seinen eigenen Körper zu kämpfen. Immer wieder steckte die Hoffnung ihren Kopf hervor, weil jetzt alles so gut ging. Weit weg war der Gedanke: Marianne wird bald sterben. Denn es ging ihr gut und uns auch.

Es war ein Sommer voller Illusionen, dass wir unverwundbar seien, und das Leben ewig.

Zurück bleibt die Erinnerung an einen unvergesslichen Tag voller Lachen, Sonne, einem liebevoll zubereiteten Picknick und guten Gesprächen. Ein Tag, wo wir Marianne noch mal erleben durften, wie sie immer war.

Und ein Tag und Sommer, der unvergessen bleibt mit seiner Schönheit und seinem Schmerz. Denn Marianne konnte noch nach Israel fliegen, sie war bei der Taufe ihres Enkelkinds dabei, und wir hatten den wärmsten Sommer seit 140 Jahren. Ich weiß, es war eine gute Zeit für sie. Noch einmal das Leben in Fülle genießen zu können, das war ihr vergönnt, und das macht mich unendlich dankbar.

Daran will ich mich erinnern – und dass ich mich glücklich schätzen darf, sie kennengelernt zu haben.

Schmerz und Verlust zeigen ja nur, wie viel mir anvertraut wurde, und wie viel ich bekommen habe.

Trotzdem – noch ist die Trauer allgegenwärtig.

Hier ein letztes Foto von Junior und seiner Patin. Und ich habe immer noch Lust, durch das Bild auf die Brücke zu treten und sie zu umarmen. Aber der Weg ist nicht mehr da…

2014-07-25 13.24.41

4 Comments on “Der Weg ist nicht mehr da

    • Ja, das war sie – und wir waren nicht ein Enzigsten, die so dachten. Sie hatte eine – wenn man das so sagen darf – wunderschöne Beerdigung. Nun kommt der Alltag, mit Trauer, guten Erinnerungen und langsam wird sich die Trauer in Sehnsucht verwandeln. Alles hat halt seine Zeit…

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