www.dtv.deDanke, dass Sie, Frau Jonuleit, sich heute Zeit für dieses Interview nehmen. Ich habe inzwischen fast alle Ihre Bücher verschlungen. Aber der letzte Roman „Der Apfelsammler“, der im Juli 2014 bei DTV erschienen ist, hat mich besonders berührt. Zum einem gefällt mir das Cover gut. Aber noch viel mehr gefällt mir die Geschichte. Nun, die Handlung entfaltet sich an vielen Orten, vor allem aber in Süddeutschland und in Umbrien. Haben Sie eine besondere Beziehung zu diesen Gegenden?

Aufgewachsen bin ich – wie meine Hauptfigur Eli – in einem kleinen Ort im Bodenseeraum, allerdings nicht ganz so „weitab vom Schuss“. Umbrien kenne ich noch aus meiner Zeit in Italien (ich habe einige Jahre in Rom gelebt und bin damals viel herumgereist). Umbrien als Handlungsort war in diesem Fall ein Muss, weil die wirkliche „Apfelsammlerin“ eben genau dort lebt.

Wie fing eigentlich alles an? Wann haben Sie angefangen zu schreiben?

Ich habe ja den Umweg über die Fremdsprachen genommen. Als ich mein erstes Buch übersetzte, ein Roman von Marcello Fois (ein sardischer Autor), hatte ich eine Art „Erweckungserlebnis“: ich glaubte plötzlich zu verstehen, wie die Handlung aufgebaut ist, wie die Figuren funktionieren, ja, ich hatte das Gefühl, beim Übersetzen hinter die Kulissen zu schauen. Daraus entwickelte sich der Gedanke, es selbst einmal mit dem Schreiben zu versuchen, gewissermaßen als Experiment. Und dann habe ich mein erstes Buch, „Das Wasser so kalt“ auf diese Weise geschrieben. Im Rückblick kann ich sagen, dass das Übersetzen eine gute Schule war. Als Übersetzer geht man sehr kritisch an Sprache heran. Man hinterfragt ständig: Geben die gewählten Worte den Inhalt exakt wieder, geben sie aber auch die Stimmung, die der Text atmet, wieder? Und wie ist es mit dem Klang? … All diese Fragen hat man im Hinterkopf. Und das war zu Beginn doch sehr hilfreich.

Isabel Allende zündet eine Kerze an, bevor sie anfängt zu schreiben. Was machen Sie? Haben Sie Schreibrituale?

Mein eigentliches Schreibritual ist wohl die Disziplin oder das einfache Tun. Mein Arbeitstag beginnt mit „Schreibbuch und Kaffee“. Frei nach Julia Cameron schreibe ich zunächst mindestens drei Seiten mit der Hand, allerdings kein Tagebuch und meist auch nicht selbstreflektierend. Ich springe also gewissermaßen jeden Tag in meine Geschichte und knüpfe dort an den aktuellen Plot meines jeweiligen Buchprojekts an. Dann switche ich um auf den PC und schreibe bis zum Mittag. In einer „heißen Phase“ kurz vor Vollendung eines Manuskripts sitze ich auch mal nachmittags am Schreibtisch.

Was fasziniert Sie beim Schreiben?

 Zunächst einmal ist es wohl der Flow, der mich am meisten fasziniert. Wenn es gut läuft, wenn sich das Schreiben gewissermaßen verselbständigt und ich ganz plötzlich das Gefühl habe, „es schreibt“. Diesem Gefühl reise ich als Schreibende hinterher – und wenn es gut läuft, hab ich es eingeholt.
Und dann ist da sicher das Bedürfnis, Dinge (mit-) zu teilen. Wenn es mir gelingt, den einen oder anderen Leser mit dem zu berühren, was mich selbst berührt, so ist das ein kostbarer Moment.

Und was mögen Sie gar nicht beim Schreiben?

Die Überarbeitungsphase! Wenn ich etwas für mich oder in mir als erledigt betrachte (wie zum Beispiel die erste Fassung eines neuen Romans, denn diese Gedanken sind – für mich – nun schon einmal „in der Welt“), kostet es mich wirklich Überwindung, mich erneut damit auseinanderzusetzen, denn: In dieser Phase gibt es keinen Flow. Hier ist ausschließlich ein analytischer Blick gefragt. Das ist sicher eine Temperamentsfrage, denke ich mal. Ich gehöre zu den Menschen, die ein Buch niemals zweimal lesen und auch Filme sehe ich mir nicht noch einmal an. Leider ist es beim Überarbeiten nicht damit getan, mal eben drüberzulesen. Diese kritische Beschäftigung mit dem Text erfordert es, noch einmal ganz tief einzutauchen in die Handlung und in die Figuren.

Welche Autoren sind Ihre Vorbilder?

Sie meinen „Vorbild“ im Sinne eines richtungsweisenden Beispiels? Jemand, dem ich bewusst nacheifere? Könnte ich jetzt so gar nicht sagen … Es gibt diese beiden Autorinnen, die mich zum Schreiben ermutigt haben, auf eine sehr amerikanische, sehr pragmatische Weise: Natalie Goldberg in meinen Anfängen und Julia Cameron in einer späteren Phase. Ich bewundere beide Frauen für ihren unnachahmlichen Schwung, für ihre Authentizität – und für ihre Offenheit. Und, ja, letztlich sind sie für mich Vorbilder im Sinne von „sich nicht unterkriegen zu lassen“!
Und dann gibt es immer wieder neue Autoren bzw. Bücher, die ich entdecke, und die mich mit Bewunderung und Begeisterung erfüllen: Sofi Oksanen mit „Fegefeuer“, Beth Hoffman mit „Die Frauen von Savannah“, Eugen Ruge mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, Judith Hermann mit ihrem „Sommerhaus, später“ und „Nichts als Gespenster“.Eines meiner absoluten Favoriten ist „Der wiedergefundene Freund“ von Fred Uhlman. So könnte ich noch vieles aufzählen!

Die Autorin Anja Jonuleit

Die Autorin Anja Jonuleit

Wie war das beim Apfelsammler: Was hatten Sie zuerst auf dem Papier – den Plot oder die Figuren?

Der Apfelsammler selbst war definitiv zuerst da. Um ihn habe ich die Geschichte gesponnen.

Der Apfelsammler beherbergt die verschiedensten Menschen und Typen. Welche ist Ihre Lieblingsfigur und warum?

Das könnte ich gar nicht sagen. Ich finde gerade die Vielfalt spannend – und liebenswert.

Was fasziniert Sie an Matteo und seinem Versuch, alte Arten zu bewahren? Ist das utopisch, närrisch oder prophetisch?

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die den Mut aufbringen, ihre Vision zu leben. Gerade, weil das doch meist bedeutet, einem steinigen Weg zu folgen. Solche Menschen machen mir Mut. Und was wäre die Welt ohne Utopisten? Ohne Menschen, die es wagen, sich (zunächst) als närrische Weltverbesserer lächerlich zu machen? Mir gefällt Grundoptimismus, der Gedanke, es„against all odds“ zumindest zu versuchen.

Am meisten hat mich Elis große Liebe enttäuscht. War er von Anfang an als ein schwacher Typ gezeichnet oder hat er sich beim Schreiben entwickelt und Eigenständigkeit bewiesen?

Er hat sich so entwickelt.

Das Ende ist offen – bleiben Matteo und Hannah ein Paar oder nicht?

Aber JA!

Wollten Sie mit diesem Buch nur unterhalten oder war Ihr Anliegen auch sozialkritisch. Ich denke dabei an Matteo und seine Vision; an Eli und ihre Eltern, die Kirchenschmiedin und die Menschen aus dem Dorf. Alle bewegen sich in einer Welt, wo man lieber die Augen schließt als sie öffnet.

Wenn man sozusagen die Lupe draufhält und sich einzelne Schicksale ganz genau ansieht, sind diese sicher oft repräsentativ für einen gesellschaftlichen Zustand. Nehmen wir das Beispiel Schwangerschaft einer unverheirateten Frau oder – schlimmer noch – eines jungen Mädchens in den Sechziger Jahren, am besten in einem ländlichen Umfeld. Wenn man so eine Situation beschreibt, ist das aus heutiger Sicht durchaus gesellschaftskritisch … wenngleich ich mir das „per se“ nicht als Thema vorgenommen hatte.

Und nun ein paar Ratschläge für alle, die schreiben: Wie erweitern Sie Ihren Wortschatz?

Durch regelmäßige Lektüre einer guten überregionalen Tageszeitung; durch Nachschlagen, wenn man ein Wort nicht kennt. Ansonsten als Tipp: der gute alte Karteikasten mit seinen Kärtchen, auf denen man Begriffe – oder besonders gelungene Formulierungen – notiert und sie immer mal wieder durchgeht.

Haben Sie schon einmal eine Schreibblockade gehabt? Und wie überwinden Sie sie?

Vor ein paar Jahren hatte ich eine Phase, bei der es ziemlich zäh voranging. Auch gab es schon Zeiten, in denen ich die eigene Stimme nicht mehr hören konnte. Dieses Gefühl „ du klingst immer gleich, du bist redundant“ … Dann sagte mir eine Lektorin, dass ich doch froh sein solle, eine eigene – prägnante – Stimme zu haben. In solchen Zeiten habe ich die Erfahrung gemacht habe, dass es guttut, nicht zu viel nach der eigenen Befindlichkeit zu forschen, sondern lieber irgendetwas zu Papier zu bringen als gar nichts. Ändern kann man’s ja später immer noch … und einige brauchbare Sätze oder Szenen sind meist doch dabei.

Was würden Sie jungen Autoren mit auf den Weg geben?

„Keep your pen moving“, das ist wohl das Wichtigste. Viel schreiben, damit man in den Flow hineinkommt. Beim Lesen darauf achten, was einen selbst besonders berührt. Weil das vielleicht die Richtung sein könnte, in die es geht. Bücher übers Schreiben lesen und die angebotenen Tipps selbst ausprobieren und mit dem arbeiten, was einen anspricht.

Welches Buch hat Sie in der letzten Zeit gefesselt und warum?

„Sommer in Maine“ von J. Courtney Sullivan, eine herausragende Familiengeschichte, geschrieben aus der Sicht von vier Frauen. Der Autorin ist es wunderbar gelungen, sich in jede der vier sehr unterschiedlichen Frauen einzufühlen und dabei alle Klischees außen vor zu lassen. Sehr beeindruckend.

Welches Buch liegt gerade auf Ihren Nachttisch?

 „Wovon wir träumten“ von Julie Otsuka, „Zu viel Glück“ von Alice Munro und „Familienalbum“ von Penelope Lively (Ich bin ein großer „Anleser“ und entscheide mich dann für das, was mich in dem Moment am meisten anzieht).

Danke für die Antworten. Ich freue mich schon auf Ihr nächstes Buch!

 

photo credits ©Lena Reiner

4 Comments on “Die Autorin Anja Jonuleit über das Schreiben und den Roman „Der Apfelsammler“

  1. Guten Abend,
    das Bild von Anja Jonuleit stammt aus meiner Linse – es entstand bei einem Zeitungsinterview. Ich wäre sehr verbunden, wenn meine Urheberschaft kenntlich gemacht werden würde als „Menschenfotografin Lena Reiner“.
    Vielen Dank!!

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  2. Pingback: Anja Jonuleit und die Colonia Dignidad | Lektorat der rote Faden

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