Was hat die Lebensbeichte eines Ex-Priesters mit der Persilreklame zu tun?

Diese Rezension ist für mich eine Herausforderung. Ich wäge meine Worte ab, denn es ist schwer sich einem Text zu stellen, der das Leben eines Menschen behandelt.

Anton Aschenbrenner: Ich Liebe Gott und eine Frau

Anton Aschenbrenner: Ich Liebe Gott und eine Frau

Ein katholischer Priester wird Vater
Anton Aschenbrenner will die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Deshalb wird er katholischer Pfarrer in einer kleinen bayrischen Gemeinde. Erst fehlt ihm nichts – er ist beliebt, die Kirche voll, und eine Frau braucht er auch nicht bei seiner Weltrettungsmission.
Doch dann bekommt er eine evangelische Lehrerkollegin, Birgit, und schon bald sind die beiden ein Paar. Birgit zieht ins Pfarrhaus, offiziell als Untermieterin, aber ganz offensichtlich für alle Gemeindemitglieder als Lebenspartnerin des Pfarrers. Dies verärgert seine Schäfchen nicht, denn Birgit füllt die Rolle als Pfarrersfrau gut aus.
Alles hätte so bleiben können, wenn Birgit nicht schwanger geworden wäre. So muss Anton nicht nur die Gemeinde in sein Vaterglück einweihen, sondern auch die kirchliche Heeresleitung. Diese plädiert auf Gebet, Busse und Umkehr. Aber Anton will seine Verantwortung als Vater nicht abgeben und steht zu seiner Liebe zu Birgit. Der Preis ist hoch: Aufgabe des Amtes.

Eine sehr persönliche Lebensbeichte, die man nachvollziehen kann
Eine Geschichte wie so viele. Nichts Neues unter Gottes Himmel, könnte man sagen. Und ganz sicher keine Geschichte, die heute noch jemanden vom Sofa reißt.
Persönlich habe ich mich gut in Anton Aschenbrenner hineinversetzen können. Wir sind fast zur gleichen Zeit aufgewachsen, waren getrieben von ähnlichen Idealen – politische Spiritualität könnte man es nennen – und schlugen eine verwandte Laufbahn ein, nämlich den kirchlichen Dienst. Als Frau konnte ich allerdings nicht Pfarrerin in der katholischen Kirche werden. Auch in meinem Leben waren Enttäuschungen vorprogrammiert, denn jeder, der mit der Kirche lebt und arbeitet, erfährt, dass es in der Kirche menschelt.
Alles in allem ist Aschenbrenners Lebensbeichte keine exklusive Geschichte; sondern eine Lebensgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen. Es geht um einen Menschen mit seinen Verletzungen und Siegen. Und das sollte respektiert werden.

„Ich liebe Gott und eine Frau“ – ein klischeebehaftetes und populistisches Buch
Wenn ich ein Buch rezensiere, schaue ich auf den Inhalt, das Cover, die Sprache. Und da bekomme ich bei diesem Titel einen faden Geschmack in den Mund.
Verdeckt wird hier klischeehaft geschrieben. Der Autor kehrt sich selbst (oft unter dem Deckmantel der Demut) als Held hervor. Die ersten 100 Seiten lesen sich schwer. Anton Aschenbrenner ist derjenige, der die Gemeinde flott macht. Er schafft die Beichte ab und macht die Menschen froh. Diese Seiten lesen sich, als wenn Aschenbrenner die Lösung für alle innerkirchlichen Probleme der katholischen Kirche gefunden hätte. Und katholische Kirche ist natürlich deckungsgleich mit bayrischem Frühschoppen Katholizismus.
Gut, wir hatten bis vor 1½ Jahren einen bayrischen Papst, aber die katholische Kirche ist so viel mehr. Sie ist weltweit, geprägt von den unterschiedlichsten Kulturen.

Aschenbrenner – ein Mensch auf der Suche nach einer Plattform und Hörer
Mir stellte sich die Frage: Was will Aschenbrenner eigentlich?
Braucht er eine Plattform, um sich als Mensch ins Rampenlicht zu stellen? Möchte er sich selbst profilieren? Dazu wird die Kirche von vielen gerne gebraucht, und er wäre nicht der Erste.
Mir ist das von ihm gezeichnete Bild der katholischen Kirche – auch wenn ich viele seiner Erfahrungen und Gedanken verstehe und teile – zu eng, populistisch und klischeehaft.
Eigentlich tappt Aschenbrenner immer wieder in die gleiche Falle, die er den Kirchenfürsten der Hierarchie ankreidet. Aschenbrenner argumentiert in Feindbildern, in Kategorien von „wir- die“ oder „ich-die“.
Ich (Aschenbrenner) bin der Mensch, der jetzt Dank aller Widerstände endlich den Durchblick und die Wahrheit gefunden hat. Und dort steht die Kirche, die eine gute Botschaft und eine funktionstüchtige Infrastruktur hat, aber leider veraltet und verstockt ist.

Armutsfrage, Exkommunikation und andere sachliche Fehler im Text
Darüber hinaus gibt es einfach sachliche Fehler, die in einem Text nicht vorkommen sollten. Priester verpflichten sich nicht zur Armut (vgl. S. 94). Sie versprechen ihrem Bischof oder Ordensoberen bei der Priesterweihe Gehorsam und ehelos zu leben.
Aschenbrenners Ausführungen über den Reichtum des Klerikers sind nur begrenzt anwendbar. Nur die deutschen Priester können aufgrund des Konkordats so gute Einnahmen verzeichnen. In fast allen anderen Ländern arbeiten Priester, Laien und Katecheten eher gratis, oder sie sind schlecht oder bescheiden bezahlt.

Auch ist nicht korrekt, dass Aschenbrenner von der Kirche exkommuniziert wird, weil er sein Priesteramt aufgibt. Er lebt in Sünde, weil er sein Versprechen gebrochen hat, aber deswegen wird er nicht exkommuniziert. (vgl. S.53)

Im Falle einer Exkommunikation exkommuniziert der Mensch sich immer selbst. Die katholische Kirche konstatiert dieses Faktum nur, und sicher nicht wegen einer Vaterschaft.
Warum er exkommuniziert ist, geht aus dem Text nicht hervor. Ich vermute es hat etwas mit seiner Arbeit als freier Priester und seiner Deutung der Schrift zu tun. Aschenbrenner muss sich ausdrücklich und verbal gegen die Lehre der Kirche gewandt haben. Hier hätte ich mir mehr Klartext und Ehrlichkeit gewünscht.
Nun, mit diesen sachlichen Fehlern im Hinterkopf kamen mir seine Erläuterungen, dass Kirche Menschen heilen soll, dass Dinge besser so angegriffen werden sollten, nicht gut an. Mir wurde einfach zu pauschal geurteilt. Die Dinge werden so zurecht gelegt, das Aschenbrenner immer als der Held da steht und die Kirche als Schurke oder zumindest eine tatterige alte Dame, der man nichts mehr zutrauen kann.

Wer oder was ist Kirche?
Kirche ist für mich wie ein Familienfoto: Da gibt es den strengen Onkel, vor dem man am liebsten wegläuft, da ist die eitle Tante, die immer alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das ist die Mutter, die Fürsorge zeigt und ein Bruder, der einem immer die Schau stiehlt, aber das ist auch der Vater, mit dem man die Welt entdeckt und eine Oma, die tolle Geschichten auf Lager hat. Das ist die Cousine mit den Tabus im Kellergemäuer – Kirche ist eine ganz normale Familie, mit mehr oder weniger schrägen Typen. Man kann sich die Familienmitglieder nicht aussuchen. Einige würde man gerne los oder an den Nachbarn verhökern, aber das ist nicht möglich. Wir gehören zusammen. Ich vermag mich nicht aus dieser Gruppe auszuklinken, weil ich so viel besser bin. Aber das hat Aschenbrenner getan.

 Vom katholischen Pfarrer zum freien Theologen mit undefinierbarer Botschaft
Ab ca. S. 100 verändert sich das Bild. Aschenbrenner zeigt sein Leben wie es heute ist. Er arbeitet als freier Theologe, macht sich Gedanken über Werte, Liturgie und vieles mehr. Was er dort schreibt, ist inspirierend und ehrlich.
Er sieht Möglichkeiten in den großen Kirchen, die er als freier Theologe nicht hat. Und er hofft, dass die Kirchen diese umsetzten – im Sinne Jesu. Das könnte ich fast alles unterschreiben, auch weil es schlicht und unpathetisch geschrieben ist.
Doch danach dreht sich der Schreibstil wieder. Und ich bekomme den Eindruck, dass ich diesen Mann nicht fassen kann, und er sich mir auch nicht wirklich zeigen will. Dass er mir auf stille und unspektakuläre Weise falsche Botschaften gibt.

 Aber darf nicht jeder glauben, was er will?
Natürlich. Und dieses Recht hat jeder Mensch. Aber ich möchte auch, dass die, die mir eine Botschaft vermitteln, klar sind. Wenn ich zu einem Schamanen gehe, dann erwarte ich einen Schamanen und keinen Buddhisten. Ein Iman soll mir nicht von Jesus predigen und ein Nummerologe glaubt an die Kraft der Zahlen.
Aschenbrenner bezeichnet sich selbst als freier Theologe. Theologe ist u.a. eine Berufsbezeichnung, aber gebunden an eine Konfession.
Diese Berufsbezeichnung hat er sich durch seine Studien verdient. Aber Theologen sind noch mehr. Sie sind auch Menschen, die über Gott sprechen.

Als Theologin und Religionswissenschaftlerin ist mir klar, dass wir Menschen unzählige Bezeichnungen für Gott haben.

Aber Aschenbrenner ist nicht ehrlich. Erst ist er katholisch. Dann, als er Vater wird und sich eine Arbeit erhofft, wird er evangelisch. Die Absprache, sofort als evangelischer Lehrer arbeiten zu können, die er mit dem protestantischen Bischof gemacht hat, wird verhindert (durch den katholischen Bischof) und jetzt ist Aschenbrenner konfessionslos.

Das ist sein persönlicher Weg. Aber er verwirrt Menschen – gebraucht Rituale der christlichen Kirchen, um seine alten Gemeindemitglieder und andere Interessenten, um sich zu sammeln. Im Buch hört es sich an, als wenn er sich nahe an alte kirchliche Bräuche anlehnt – und das stößt mir sauer auf. Überhaupt, dass er meint, die „Logistik“ der Kirche wäre wunderbar zu gebrauchen, wenn man doch die Vermittlung ändern würde. Und da hat er mit seiner Lebenserfahrung nun sehr viel zu bieten.

Das Cover ist fehlgeleitet – Klischee à la Dornenvögel pur
Das Cover ist alles anderes als gelungen. Es entspricht dem ersten Teil des Buches, ist populistisch. Und er zeigt den Pfarrer ja gar nicht als den, der er war, und es zeigt auch nicht Anton Aschenbrenner, wie er heute ist.

Schwarze Überschrift (für Klerikalismus? Für Katholizismus?) und roter Untertitel (für Liebe, für Sex, für Leidenschaft?)
Aschenbrenner hat betont, dass er keine Priesterkleidung trug, um nicht als Hochwürden gewürdigt zu werden. Aber auf dem Cover steht er als Priester mit seiner Lebensgefährtin in Umarmung. Klischees à la „Dornenvögel“ verkaufen sich gut.

Aber sein Porträtfoto im Klappentext ist wieder ein Bild mit Priesterkragen, und da platzt mir dann der Kragen.

Aschenbrenner arbeitet heute als freier und konfessionsloser Theologe und Priester. Er hat sich nicht verändert (was das Foto deutlich zeigt!), er hat nur die Botschaft verändert. Er will vielleicht nicht mehr die Welt retten, aber Menschen an Knotenpunkten in ihrem Leben nahe sein – als Gesprächspartner, Trauerredner, Ritenspender.

Dabei fungiert er für viele sicher als Priester, weil er für sie in ihrer Lebenssituation einen heilenden und sinneröffnenden Rahmen absteckt. Gut. Nur sollte man mit den Bildern nicht den Eindruck erwecken, er wirke immer noch als katholischer Priester.

Und damit lebt das Klischee weiter, und ich bekomme einen schlechten Beigeschmack: Er will sich also doch nur selbst ins Centrum stellen. Er braucht eine Plattform. Das finde ich schade, denn sein Ansatz ist gut, wenn auch entleert von jeder transzendenten Sinngebung, wie er selbst pointiert:

Spirituell ist nicht ein Wortgebilde, das sich an einen nicht genauer vorstellbaren Gott wendet, sondern eine Lebensweise, die dankbar, wach, reflexiv zu mehr Leben führt und dabei den anderen nicht aus dem Blick verliert. Klar kann ein Gottesdienst als Auszeit, als fröhlicher Gesang, als tragfähiges Gemeinschaftserlebnis, als erhebendes Ritual, als inspirativer Impuls und vieles mehr auch Teil eines spirituellen Lebens sein, doch er ist nicht notwendig, um einen griesgrämigen Jenseitsherrscher zu erfreuen. So sehe ich auch meine Pilgerwege nicht als theoretische Getüftel, um das Geheimniswort Gott zu knacken, sondern als einen Weg des Erlebens, Nachsinnens, Bewusstwerdens. Gespräche, Atemübungen, Geschichte, Gedichte und viele andere mehr helfen dabei, den Geist zu klären und meiner Biografie neue Impulse zu geben (…) Statt einem Blick auf ein Jenseits lernte ich durch meine Geschichte, den Blick auf das Diesseits zu richten und damit eine nicht metaphysische Religiosität zu entdecken. (S. 168f)

Lesen sollte man diese „Memoiren“ oder Gedanken als Lebenszeugnis und Suche eines Menschen, seinen Weg zu gehen, authentisch zu leben und den Versuch, Jesu heilende Gegenwart für Menschen erfahrbar zu machen. Ich denke, Aschenbrenner hat seinen Platz gefunden. Und dabei geht es immer mehr um ihn als um andere.
Mir kommt bei diesem Buchtitel leider immer wieder die alte Persilreklame in den Kopf:
Erinnern Sie sich?
Der Slogan war.

Persil – da weiß man, was man hat.

Bei Aschenbrenner denke ich: Aschenbrenner – da weiß ich nicht, was ich habe.

Ein schlechtes Gefühl, nach einer Lektüre von 191 Seiten – und daran ändert ein sympathisches Lächeln im Klappentext dann auch nichts mehr.

Anton Aschenbrenner: Ich liebe Gott (und eine Frau). Ein Ex-Pfarrer erzählt. DTV 2014. Broschiert 14,90 €.

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