Ich konsumiere Bücher wie andere ihre Zigaretten. Immer wieder gibt es unter der Flut der Bücher, die mich morgens mit in den S-Zug begleiten, solche, die lange nachwirken, die mich innerlich berühren und aufrütteln, ja, die mich zum Weinen und zum Lachen bringen.
„Als wir unsterblich waren“ ist solch ein Titel. Das Buch ging und geht mir bis unter die Haut.

www.knaur.de

Charlotte Roth: Als wir unsterblich waren

Charlotte Roth: Als wir unsterblich waren – ein Jahrhundertroman der deutschen Geschichte
Ich habe das Buch „Als wir unsterblich waren“ eigentlich nur zufällig gekauft. Unerwartet hat sich mein Weg nach einigen Jahren wieder mit Charlottes gekreuzt, die ich bisher als „Charlotte Lyne“ kannte. Die begeisterten Besprechungen ihres neuesten Buches machten mich neugierig. Die älteren Titel hatte ich alle verschlungen.
Aber dieser Roman ist anders. Vielleicht berührt er mich tiefer, weil er ein Stück meiner Geschichte verarbeitet, also kein Englandroman, sondern ein Deutschlandroman ist.

Vom deutschen Kaiserreich bis zum Fall der Mauer – deutsche Geschichte im Roman
Alles fängt an mit dem Fall der Mauer. Ich war damals Anfang 20 und studierte. Auf dem Weg nach Hause, hörte ich im Autoradio vom Fall der Mauer, konnte es nicht glauben und dachte, es wäre ein verspäteter Aprilscherz. Zuhause angekommen stürmte ich vorbei an meinen Eltern, um das Fernsehn anzumachen. Danach rannte ich zum Telefon und rief meine Freunde in Südfrankreich an. Die Mauer war weg. Die Mauer, mit der ich aufgewachsen war. Die Mauer, die Familien getrennt hatte. Die Mauer, die immer auch in unseren Köpfen existiert hatte.

Erst danach begrüßte ich meine Eltern.

Hier also setzt der Roman „Als wir unsterblich waren“ ein. Der Leser befindet sich auf der ostdeutschen Seite, nahe dem Leopoldsplatz und lernte Alexandra kennen, die mit den Massen in den Westen geschwemmt wird.

Der Plot entfaltet sich auf zwei Ebenen. Neben Alexandra ist da auch Paula im Kaiserreich, ein lebenslustiges Mädchen, voller Träume und Ideale. Sie und viele andere, die sich in der Sozialdemokratie organisierten, träumten von einer besseren Welt. Und Paula träumte auch von Clemens, dem Draufgänger, Schöngeist und verwegenen Sozialdemokraten.

Alles hätte so gut sein können, wenn nicht der erste Weltkrieg die Welt in Schutt und Asche gelegt hätte. Nicht nur das Kaiserreich, sondern auch die Menschen wurden vernichtet. Zertrümmerte Häuser, zertrümmerte Träume und zertrümmerte Familien waren die Rechnung, die das Volk für den kaiserlichen Imperialismus und Hochmut bezahlen musste.

Doch Paula und ihre Freunde hofften nach dem Rücktritt des Kaisers auf eine neue, bessere Welt, die sie gemeinsam gestalten wollten. Nach und nach zerplatzt auch der Wunsch wie eine Seifenblase im Wind. Zu viel Gegenwind, zu viel Widerstand macht die Träume der Väter und Mütter der Republik kaputt.

„Als wir noch unsterblich waren“ ist ein anrührender Roman. Nach dem Fall der Mauer treffen sich die Nachfahren von Paula und Clemens und ihren Freunden, und decken alte Tabus auf.

Was ist anders an diesem Roman als bei anderen historischen Romanen?

Zum einem hat Charlotte Roth ein wundervolle Schreibweise, die mit jedem Buch eindringlicher und klarer wird. Schnörkellos und präzis. Das mag ich.
Sie zeigt mir leidenschaftliche Menschen, die kämpfen, lieben und Niederlagen überwinden müssen; aber die auch an ihren Träumen festhalten, und wenn sie das nicht mehr vermögen, einen Neuanfang versuchen. Sie zeigt menschlichen Edelmut, tiefste Abgründe und Schmerzen.

Ohne Vergebung keine Zukunft.
Mich berührt die darunterliegende Botschaft: Nur Vergebung ist der einzig gangbare Weg für die Zukunft. Ein Weg, der – so zeigt es das Buch – nicht nur nach den beiden Weltkriegen ein Motto sein sollte. Oder heute nach dem Fall der Mauer.

Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft, sagte Desmond Tutu nach dem Fall der Apartheid, wo Täter und Opfer sich als Menschen begegnen mussten, damit ein Neuanfang für das Land möglich wurde.

Und diese Botschaft ist wahr.

Das letzte Jahrhundert mit seinen Schrecken hat fast alle deutschen Familien betroffen – und verwundet. Entweder als Opfer oder als Täter sind sie von dieser Geschichte berührt.

Charlotte Roth zollt den Vätern und Müttern der Weimarer Republik ihren Respekt
Vor allem aber ist Charlotte Roth noch etwas gelungen.

Sie hat mir meine Geschichte wieder nahe gebracht. Beim Lesen tauchten alle Namen aus meinem Geschichtsunterricht auf; Namen, der vielen Helden der Weimarer Republik.
Ehrlich gesagt habe ich diese Republik immer mit Skepsis, Verachtung und als dekadent betrachtet.
Warum konnten sie die Diktatur des Nationalsozialismus nicht verhindern?

Alle Erklärungen, die ich bisher gehört hatte, haben mich nie richtig befriedigt. Aber nun sehe ich die Helden dieser Republik anders. Sie haben sehr viel für ein neues Deutschland getan. Gut, es war sicher nicht genug. Aber das, was man damals in den wenigen friedlichen Jahren hat bewegen können, ist enorm.

Zum ersten Mal bin ich stolz auf diesen Teil der deutschen Geschichte.

Neugierig geworden? Ich denke, Sie sollten Sich dieses Jahrhundertbuch der deutschen Geschichte nicht entgehen lassen.
Gönnen Sie sich das, was ein gutes Buch ausmacht: Liebe, Leidenschaft, Krieg, Kämpfe und vor allem eine Sprache, die die Geschichte aufs vornehmste transportiert.

Danke Charlotte, für dieses Buch! Du hast damit meine Welt bewegt!

Charlotte Roth: Als wir unsterblich waren. Taschenbuch, Knaur TB 2014, 576 S. ISBN: 978-3-426-51206-7. €9,99

3 Comments on “Charlotte Roth: Als wir unsterblich waren

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: