Jeder hat mindestens eine Leiche im Keller verscharrt. Das kommt in den besten Familien vor.

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Südafrikanisches Familiendrama

Das ist nicht nur meine Überzeugung, sondern auch einer meiner Lieblingssprüche. Ehrlich gesagt haut mich kaum noch etwas vom Sockel. Denn es ist ja wahr. Jeder hat etwas ganz unten in seinem Loch verscharrt.

Ich lernte diese Wahrheit schon als Kind, wenn die Frauen, sobald eine von ihnen das Zimmer verlies, über „sie“ tratschten, mit schriller Stimme und nicht in hohen Tönen. Und was für Geschichten da immer hinter der vorgehaltenen Hand ausgeplaudert wurden. Die waren mit Garantie nicht für meine Kinderohren bestimmt. Trotzdem, hinter meinen Büchern verschanzt, bekam ich manche ausgewachsene Ungeheuerlichkeit serviert und wurde klüger auf das Leben und die Gattung Mensch im Allgemeinen.

Nach meinem Studium habe ich lange als Seelsorgerin mit Sterbenden und in einer Gemeinde gearbeitet. Da ging es darum, den anderen Ohren zu leihen, und oft kamen wieder ausgewachsene Geschichten ans Tageslicht.

Seitdem kann mir keiner mehr damit kommen, dass das Leben immer nur glatt verläuft, dass es nichts im Keller gibt, was Angst macht.

Jeder hat eine Leiche im Keller: über Tabuthemen, Trauma, Lügen, Abhängigkeiten
Leichen hat jeder. Die verbergen sich auch hinter wunderschönen Fassaden. Natürlich rede ich nicht von physischen Leichen, obwohl das ja auch schon mal vorgekommen ist. Wir anderen haben psychische Leichen verscharrt, also all die Tabuthemen in der Familie, Trauma, Lügen, Abhängigkeiten usw.

Und weil ich ehrlich gesagt immer mal gerne im Keller anderer Leute reinschaue (zumindest in der Literatur, denn dort bauen Spinnen kein Nest in meinem Haar), habe ich mich natürlich gefreut, als der DTV Verlag mir Emma Brockes biographischen Roman „Und sie ging nie zurück“ zuschickte.

Emma Brockes Familiendrama – ein Leben mit Mord, Inzest und Neuanfang
Die Geschichte ist ein Familiendrama. Im Titel wird schon trotz des fast pittoresken Familienfotos angedeutet, dass die Idylle trügt. Auch dort lauert etwas hinter der schönen Fassade. Auch dort verrotten Leichen im Keller. Doch die sind so gut verscharrt, dass Emma, die Tochter, erst nach dem Tod der Mutter entdeckt, was wirklich geschehen ist und warum sie niemals wieder ihre Familie in Südafrika besucht hat.

Aus Respekt vor der Stärke ihrer Mutter und für sich selbst, reist Emma nach Südafrika und deckt eine unglaubliche Geschichte auf:

Ihr Großvater war Mörder. Und er kam frei. So viel Glück beschert das Schicksal einem nur einmal. Doch er war auch Alkoholiker, gewalttätig und missbrauchte seine Töchter. Als diese ihn vor Gericht zerren – spricht das Gericht ihn noch einmal frei, und die Kinder werden ihm wieder zugesprochen.

Südafrikanische Familienchronik , die unter die Haut geht.
Beim Lesen bekommt man Gänsehaut. Erst einmal wegen dem Schreibstil der Autorin, der couragiert und klar ist.
Und dann fröstelt man wegen der Tatsachen. Gerade weil dieser Missbrauch wirklich geschehen ist, und nicht der überstrapazierten Fantasie eines Autors entspringt, geht die Geschichte an die Nieren. Mehr will ich nicht sagen.

Ein Satz hat sich in mein Herz gegraben:

Nicht, was passiert war, ist wichtig, sondern die Geschichte, die du später darüber erzählst – selbst wenn du sie nur dir erzählst. (S. 67)

Der Weg vom Opfer zum Sieger
Im Grunde geht es doch darum. Wir können die Dinge, die in unserem Leben geschehen, nicht immer steuern. Manchmal geschehen schreckliche Sachen mit uns. Aber wir haben die Möglichkeit, unsere Geschichte neu zu erzählen – nicht in dem sie verfälscht wird, sondern indem wir uns an einem anderen Platz stellen. Wir brauchen nicht das Opfer bleiben.

Optimistisch gesagt: Die Leichen im Keller sind sogar zu was zu gebrauchen. Nicht nur zu Tuscheleien hinter vorgehaltener Hand. Wir können sie uns zu Nutze machen. Auf sie wartet nicht die Auferstehung der Toten. Aber auf uns wartet die Auferstehung unserer Person.

Emma Brockes: Sie ging nie zurück. Die Geschichte eines Familiendramas. DTV Premium. Juni 2014. 347 Seiten. 15,90 €

4 Comments on “Emma Brockes Hommage an ihre Mutter

  1. Oh, das hört sich danach an, dass einem das Buch ganz schön an die Nieren gehen kann- oder?!

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    • Ja, aber es macht auch Mut. Aber mir geht es immer so, dass ich nicht fassen kann, dass die Umwelt so blind sein kann. Ich meine, die Kinde rhaben den Vater vor Gericht gezerrt – und er kommet frei!

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