Gelesen: Ein anderer Morgen von Carolin Hagebölling

Frauenliebe und Identitätssuche: Darum kreist Carolin Hagebölling in ihrem neuem Roman Ein anderer Morgen.

Nachdem ich letztes Jahr Der Brief von der Autorin verschlungen habe, war ich sehr erfreut, auch den neuen Roman zu lesen. Schon vor dem Lesen war ich gespannt, denn der Klappentext verriet, dass es um die Liebe zwischen zwei Frauen geht; ein Thema, das auch in Der Brief gestreift wurde. Mir kamen Menschen in Erinnerung, die nach einer langen Ehe aus ihrer Beziehung ausgebrochen und mit einem gleichgeschlechtlichen Partner ein neues Leben anfangen hatten – oft ohne Verständnis in ihrem Umfeld zu finden. Ich war gespannt, wie Carolin Hageböllling diese Reise beschreiben würde. Solch ein Schritt ist nie leicht, weder für den Betroffenen noch für die Familie.

Inhalt

Eva ist trotz ihrer Ehe mit Peter, ihren Kindern und ihrem Erfolg im Beruf unzufrieden, ohne eigentlich zu wissen, warum.  Und so macht sie sich und anderen das Leben schwer. Denn irgendwohin muss sie mit ihrer unterdrückten Wut. Sie selbst, aber auch ihr Mann, kennen sie nicht wieder. Sie probt Grenzen, doch glücklich wird sie dadurch nicht. Dann trifft sie Anna, die Freundin ihres Chefs. Die Frauen verlieben sich hoffnungslos ineinander.

Zwei Perspektiven verdeutlichen den Riss und die Identitätssuche

Carolin Hagebölling hat das Buch in zwei Teile aufgeteilt. Der erste Teil trägt den Namen „Du“ (S. 1 bis 121), der zweite „Ich“ (S. 135 bis 238).

Die Du-Geschichte ist Evas Geschichte erzählt in der zweiten Person, aus der Distanz. Die Ich-Perspektive ist auch Evas Geschichte, aber hier geht es um ihre Beziehung mit Anna, um das Finden ihrer Selbst.

In der Du-Zeit hat Eva ein gutes Leben gelebt, ohne Frage, aber sie hatte keine Beziehung zu ihren Ich. Und so lebte sie nicht wirklich, sondern wurde gelebt. Sie hat nicht selbst ihr Leben gewählt, es aktiv gestaltet. Die sperrige Du-Perspektive hat mich erst irritiert, aber später hat es mich sehr berührt, welche Möglichkeiten dieses Stilmittel in sich trägt. Das ist kunstvoll von der Autorin gestaltet. Gerade so wird der Riss in Evas Persönlichkeit, ihre Entfremdung zu sich selbst gezeigt.

Ein anderer Morgen – ein Roman über die Selbstfindung einer Frau und Frauenliebe

Ein anderer Morgen liest sich leicht. Trotzdem ist es kein Lesefutter der leichten Sorte. Dafür ist das Thema zu ungewöhnlich und brisant. Denn wer will nicht wirklich glücklich leben, im Einklang mit sich?

Feinfühlig und authentisch zeigt Carolin Hagebölling, dass Eva und Anna es sich nicht leicht machen. Da ist Evas Familie. Da ist ihr Mann. Das sind ihre Kinder und ihre Verpflichtungen. Aber da ist auch Evas Recht darauf, glücklich zu sein. Liebe kommt, wie sie kommt. Sie richtet sich nicht immer nach dem Geschlecht.

Ein feinfühliges Buch, das nachdenklich macht und um Verständnis wirbt. Ich empfehle es sehr gerne weiter.

 

 

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